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Pearl Harbor

USA 2001. R: Michael Bay. B: Randall Wallace. K: John Schwartzman. S: Roger Barton, Mark Goldblatt, Chris Lebenzon, Steven Rosenblum. M: Hans Zimmer. P: Bruckheimer. D: Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate Beckinsale, Alec Baldwin, Jon Voight, Cuba Gooding jr. u.a.
183 Min. Buena Vista ab 7.6.01

Ranzig auf die Stulle

Von Oliver Baumgarten Vor etwa zwei Monaten gab es an genau dieser Stelle noch eine müde Verteidigung der Bruckheimer-Schmiede zu lesen, deren Filme bei aller Mainstream-Perfektion immer auch noch etwas seicht Renitentes hätten. Das ist nun vorbei.

Die Geschehnisse um Pearl Harbor, die noch heute ihre Auswirkungen in der Politik der Vereinigten Staaten finden, da sie einen elementaren Schock auslösten, inszeniert Michael Bay als öde und reaktionäre Schnulze. Ähnlich dem Titanic-Prinzip gereichen die historischen Ereignisse lediglich zur ultrateuren Kulisse, vor der eine Dreiecks-Liebesgeschichte erzählt wird. Dafür hätte genauso gut ein Vulkanausbruch dienen können, die Schlacht am Teutoburger Wald oder auch Hiroshima – außer des Aspekts der Katastrophe hat Pearl Harbor rein garnichts mit den Figuren zu tun. Autor Randall Wallace wollte was Wahrhaftiges, etwas Monumentales, und da muß ihm dann Kate Beckinsales Figur eingefallen sein, die mal den liebt und mal den, erst Affleck, dann Hartnett, dann wieder Affleck – oder doch nicht? Na ja, in der Agonie der Kriegswirren gerät einem schon mal alles durcheinander. Im Geflecht dieser dramatisch langweilenden Lovestory, in der Beckinsale nicht einmal eigene Konturen entwickeln darf, sondern in fast dreistem Bemühen wie Liv Tyler in Armageddon inszeniert / ausgeleuchtet / gekleidet / geschminkt wird, kommt es nach über einer Stunde endlich dazu, daß Bay sein gigantisches Budget verpulvern darf. Und in der Tat: Der Schauwert dieser vielleicht 30 Minuten ist beachtlich. So viel Spaß hat Krieg im Kino selten gemacht, Erinnerungen an 80er Videospiele werden wach, »Schiffe versenken« und Luftschlacht auf Niveau des 3. Jahrtausends.

Und kurz nach dem Effektfeuerwerk geht nicht nur Pearl Harbor und die gesamte US-Flotte unter, sondern auch noch das kulturelle Abendland: dann nämlich, wenn sich Jon Voight als aufgedunsener Präsident Roosevelt ächzend und eklig aus seinem monströsen Rollstuhl quält, Hilfe energisch zurückweist und schließlich zitternd zum Stehen kommt wie einst Peter »Ich bin ein Krüppel« Maffay in Peter Patzaks fiesem Der Joker. Die armselig gefilmte Demonstration des Behinderten, dem es schließlich gelänge, sich so tapfer seiner Krankheit zu erwehren, als Ansporn an den Krisenstab zu illustrieren, doch bitteschön als Vergeltung für Pearl Harbor Japan wenigstens ein bißchen kaputt zu machen, ist mithin die erbärmlichste Vergeltungsmotivation, die das US-Kino je hervorgebracht hat.

Ein unerträgliches Drehbuch mit absolut sinnlosen Figuren (Cuba Gooding jr. z.B.) und unlogischen Entwicklungen wird von Bay in einer Mischung aus faszinierenden Totalen (die vom hohen Budget zeugen) und Erdbebenhandkamera entstammenden Nahaufnahmen zu einem stillosen Brei inszeniert, der sich einem weltumspannenden Amerika anzubiedern versucht und an seiner ideologischen und formalen Großkotzigkeit zu Grunde geht. Wer bis zum Schluß durchhält, bekommt die Bestätigung dafür in Bild und Offtext noch einmal ranzig auf die Stulle geschmiert. 1970-01-01 01:00

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