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Der Patriot

The Patriot. USA 2000. R: Roland Emmerich. B: Robert Rodat. K: Caleb Deschanel. S: David Brenner. M: John Williams. P: Zentropolis, Icon. D: Mel Gibson, Heath Ledger, Joely Richardson, Jason Isaacs, Chris Cooper, Tchéky Karyo, Adam Baldwin u.a.
164 Min. Columbia ab 3.8.00

Patriotenkitsch

Von Oliver Baumgarten Einen Film mit einem solchen Titel konnte in Amerika überhaupt nur einer drehen. Nationalistische Vollmundigkeit und markiger Patriotismus ist in den letzten Jahren zum ersten Stilmittel Emmerichs gediehen. Mit sicherer Hand wählte er stets die Bücher mit den unangenehmsten Dialogzeilen aus, die sich nie entblödeten, oberflächlichste Sentimentalität zu untragbarer Bedeutung aufzuplustern. Das ist in seinem neuesten Werk natürlich keineswegs anders, wer würde dies bei dem Titel Patriot schon erwarten.

Doch zwei Elemente setzen den Patrioten trotzdem von den letzten Werken Emmerichs ab. Zum einen erscheint das Production Value und mit ihm die handwerkliche Qualität nahezu des gesamten Stabs um ein erhebliches ausgefeilter und perfekter als noch beim erbärmlichen Godzilla. Zum anderen verfügt der Film mit Mel Gibson über das Charisma eines Stars, das in seiner Intensität alle Elemente aufs sympathischste zu beeinflussen scheint.

Das mag daran liegen, daß die Story im Groben an Gibsons brillanten Braveheart erinnert. Der Patriot spielt während des Unabhängigkeitskrieges gegen die Engländer. Während alles dafür plädiert, die elenden Besatzer vom Kontinent zu jagen und die United States zum unabhängigen Staat zu erklären, weigert sich der legendäre Kriegsveteran Gibson, diesen verhängnisvollen Krieg auf dem eigenen Grund und Boden zu führen, der für Generationen einen Schock verursachen wird. So kämpft er zunächst nicht mit und kümmert sich als alleinerziehender Farmer um Land und Familie. Als jedoch eines Tages die grausamen Engländer einen seiner Söhne erschießen und seinen Ältesten aufknüpfen wollen, beginnt der Film mit einem wahrhaft furios inszenierten Blutrausch Gibsons, der mit Hilfe seiner verbliebenen zwei Söhne eine gesamte englische Patrouille niedermetzelt. Die Zeitlupenstudien und die erstaunlich explizite Gewaltdarstellung, eher einem Peckinpah verwandt als Tarantino, unterlegt mit hämmernden Soundeffekten und getragen von der fliegenden Kamera, vereinen sich zu einer faszinierenden Sequenz, die mit einer Doppel- und Überbelichtung eindrucksvoll endet. Für solche formal und szenenintern dramaturgisch konsequenten Momente hat Gott das Popcorn-Kino erfunden.

Es verstecken sich in den 164 Minuten einige solcher Szenen, mal getragen von der dankbaren Selbstironie Mel Gibsons, ein anderes Mal von Emmerichs Mut zur Totalen. So zeugen zahlreiche Szenen auf dem Schlachtfeld von perfekter Übersicht und der Möglichkeit zur Orientierung für den Zuschauer; etwas, was zuletzt ausschließlich eben Mel Gibson in Braveheart gelang; etwas, was Ridley Scott aufgrund sturer Großaufnahmen-Manie in Gladiator vollends entglitt.

Doch all diese wunderschönen Kino-Momente wechseln mit unerträglichem Dialog-Quark und hochnotpeinlichem Solidaritätsschmonk, der hierzulande im besten Falle zu verzweifelten Lachern Anlaß gibt. Zudem hagelt das Drehbuch von Hollywood-Standards und Nebenplots, in denen so aufdringlich geliebt, geopfert, getrauert, gemenschelt und gelitten wird, daß einem buchstäblich Hören und Sehen vergeht. Beim Abschied zweier Geliebter beispielsweise schneidet Cutter David Brenner beim wortlosen Schuß-Gegenschuß regelmäßig mindestens einmal zuviel gegen, so daß auch das letzte Fünkchen Emotion an den Rändern des Filmbildes unbemerkt herunterrieselt.

Roland Emmerich ist einfach wieder einmal gründlich über das Ziel hinausgeschossen. Der Patriot hätte perfektes Mainstreamkino sein können, wenn die Schraube an bezeichneten Stellen heruntergedreht worden wäre. So krankt Emmerich aber wieder einmal in allen Belangen an seiner Gigantomanie. So, wie die Dialoge für ihn nicht oberflächlich genug sein können, so reichen ihm am Ende des Films eben auch nicht drei Kriegsschiffe per Matte Painting, ein Dutzend muß es schon sein. Daß damit das Bild nur noch halb soviel Wert ist, das dürfte für Emmerich als Argument nicht gelten. Fett muß es sein – und wenn man drauf ausrutscht! 1970-01-01 01:00
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