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Die Passion Christi

The Passion of the Christ. USA 2004. R: Mel Gibson. B: Mel Gibson, Benedict Fitzgerald. K: Caleb Deschanel. S: John Wright. M: John Debney. P: Icon Prods. D: James Caviezel, Monica Bellucci, Maia Morgenstern, Mattia Sbragia u.a.
127 Min. Constantin ab 18.3.04

Kill Jesus

Von Michael Borgstede (Tel Aviv) Falsche Erwartungen können dem Genuß von Kunstwerken ernstlich im Weg stehen. Wer sich Stanley Kubricks Dr. Strangelove in der Hoffnung anschaut, dort Peter Sellers bei ausgefallen Sexpraktiken beobachten zu dürfen, muß ebenso mit einer Enttäuschung rechnen wie der ahnungslose Leser, der auf der Suche nach einem unterhaltsamen Arztroman zu Thomas Manns »Zauberberg« greift.

Mit Mel Gibsons Die Passion Christi ist das nicht anders. Religiöse Erleuchtung oder ein Erweckungserlebnis sollte man sich von einem Kinobesuch nicht versprechen. Denn – und das wird der Regisseur natürlich abstreiten – Die Passion ist kein christlicher Film und hat mit Religion ungefähr so viel zu tun wie Star Wars mit Weltraumforschung. Zu Recht haben sich hochrangige Vertreter der Kirchen nach viel zu langem Zögern jetzt dazu durchgerungen, vor der »rohen« und »verstörenden« Gewaltdarstellung des Filmes zu warnen, die dem Christentum auf Dauer tatsächlich mehr Schaden zufügt als sie ihm kurzzeitig Publizität verschafft.

Aber mal davon abgesehen, daß Gibson historischen und theologischen Unsinn auf die Leinwand bringt: Als verstörende Mischung von Horror- und Splatterfilm ist ihm Beachtliches geglückt. Selten ist Gewalt so gekonnt ästhetisiert worden, hat ein Regisseur die systematische Zerstörung eines menschlichen Körpers so eindrucksvoll zelebriert. Der Regisseur von Braveheart ist sich treu geblieben und treibt seine Gewaltobsession lustvoll ins fast Unerträgliche. Wem an dergleichen gelegen ist, der sollte sich Die Passion nicht entgehen lassen.

Sicher, die filmischen Mittel sind nicht gerade avantgardistisch, der Mann hat in Hollywood gelernt und verleugnet es nicht. Dennoch gelingen ihm eindringliche Szenen menschlichen Leids. Mit irgendeiner frohen Botschaft hat das nichts zu tun. Allerdings: So wenig christlich wie der Film ist, so ist er auch nicht antisemitisch. Juden wie Römer sind gleichermaßen fiese Sadisten, die sich gegenseitig darin übertreffen, ihr Opfer zu quälen. Jüdische Organisationen sehen den Film dennoch mit Unbehagen, was man ihnen nach den Erfahrungen der letzten 2000 Jahre kaum verdenken kann. Evangelientreu, doch historisch falsch wird Pilatus nämlich als zögerlicher Schwächling porträtiert, der erst auf Drängen des hakennäsigen Hohepriesters Kaiphas und der mordlustigen jüdischen Meute zum Gottesmörder wird. Vorsorglich forderte deshalb der askenasische Oberrabbiner Israels, Jona Metzger, der Papst müsse öffentlich deutlich machen, daß die Juden nicht für den Tod Jesu verantwortlich seien.

Auch Rafi Mann sorgte sich in der Zeitung »Maariv« um die Folgen des Filmes auf den Durchschnittszuschauer: »Die gelehrten theologischen Debatten interessieren nur wenige Akademiker. Aber jeder geht ins Kino«. Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Trotz aller Besucherrekorde hat Die Passion in den USA bisher nicht zum Wiederaufflammen des klassischen christlichen Antisemitismus geführt. Auch in Europa haben Antisemiten für ihren Haß heute bessere Scheingründe parat. Der sechzehnjährige Avi aus Tel Aviv sieht die Aufregung gelassen. Er hat sich den Film aus dem Internet heruntergeladen: »Das geht geiler ab als bei Kill Bill«, weiß er zu berichten. »Muß aber 'ne ziemlich brutale Religion sein, das Christentum.« Im Freundeskreis nennen sie das Passionsspektakel nur: »Kill Jesus«. 1970-01-01 01:00
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