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Paris, je t'aime

D/F/FL/CH 2006. R,B: Ethan Coen, Joel Coen, Wes Craven, Christopher Doyle, Tom Tykwer, Gus van Sant, Gérard Depardieu u.a. K: Maxime Alexandre, Michel Amathieu u.a. S: Luc Barnier, Mathilde Bonnefoy u.a. P: Openpictures, Victoire. D: Steve Buscemi, Juliette Binoche, Willem Dafoe, Natalie Portman u.a.
120 Min. Senator ab 25.1.07

Jedem die Seine

Von Eleonóra Szemerey Einen Film über Paris zu machen, in dem es um Liebe geht, ist alles andere als eine neue Idee und kann beim potentiellen Zuschauer für eine Vorahnung klischeebeladener Belanglosigkeit sorgen oder aber zu großen Erwartungen meisterhaften Gefühlskinos führen. Letzteres dürfte der Fall sein, wenn man seinen Blick über die wahrhaft vielversprechende Liste der 21 Regisseure aus aller Herren Länder schweifen läßt, die sich für das Projekt begeisterten und ihre Visionen in 18 Miniaturen umsetzten. Zu ersterem verleitet dagegen der nicht gerade originelle Titel der zweistündigen Kompilation. Und sowohl der Zweifler als auch der Optimist werden früher oder später auf die Art Kurzfilm treffen, die sie von vornherein erwartet haben – in irgendeinem der Arrondissements der cité de l'amour.

Zu einem der Höhepunkte von Paris, je t'aime gelangt der cinephile Städtebummler auf einem Streifzug durch das 10ième Arrondissement in Tom Tykwers Beitrag Faubourg Saint-Denis und erkennt eventuell den vor zwei Jahren bereits im deutschen Vorprogramm angelaufenen True wieder. Welch Erleichterung nach den dekadenten Entgleisungen des einst frischsten und hoffnungsvollsten deutschen Regisseurs in seinem jüngsten Kostümfilm! In der Rue Faubourg St. Denis pulsieren das Leben und die Liebe noch rauschhaft wie damals in Berlin, rennen die Gedanken um die Wette mit der Zeit, jagen die Bilder die Töne in einem endlosen Moment. In einer Zeitspanne von 10 Minuten vereinigt Tykwer eine atemlose Montage von Augenblicken, jeder so bedeutsam wie der vorherige und gemeinsam so wahr wie das Leben, mit einer kontemplativen Meditation über Anfang und Ende, über Frühling, Sommer, Herbst und den vermeintlichen Winter einer großen Liebe. Damit wird er nicht nur dem eigenen Anspruch gerecht, wie Godard den Gang der Gedanken zu filmen, sondern teilt zudem die »schöne Sorge« des französischen Meisters, indem er in Zusammenarbeit mit seiner langjährigen Editorin Mathilde Bonnefoy vorführt, wie Inszenieren ein Blick und Schneiden ein Herzschlag sein kann.

Überquert man nach der (Selbst-)Erkenntnis Tykwers und anderen Liebeserklärungen an die Stadt, das Leben oder die Mitmenschen die Seine gen Süden, entdeckt man eine weitere kostbare Miniatur, nämlich Alexander Paynes 14ième Arrondissement. Wieder begleitet eine Off-Stimme durch die Straßen des Viertels, und wieder führt sie zu einer Selbstfindung – diesmal zu einer ungleich leiseren, sanfteren. In einem mit haarsträubendem Akzent vorgetragenen, holprigen Monolog berichtet eine alleinstehende amerikanische Touristin von ihrem Urlaub. Neben dem Witz, der bereits durch das Versetzen der nicht mehr sonderlich grazilen Mittvierzigerin mit Gürteltasche und Turnschuhen in die Rolle der suchenden Seele in der Stadt der Liebe entsteht und durch das humorvolle Relativieren des Gesehenen durch das Gehörte bzw. umgekehrt verfeinert wird, bezaubert die Episode durch das beinahe unbemerkt durch einen Park huschende Finden. Dieses ereilt die Protagonistin weder vor einer Postkartenkulisse noch in einem dramatischen Moment, sondern Payne und Drehbuchautorin Nadine Eid lassen das sinnstiftende, versöhnende Erkennen aus dem Banalen hervorgehen, das Besondere im Unspektakulären erahnen und die potentielle Bedeutung einer jeden Aussicht bewußt werden, von welcher Grünanlage auf welche Metropole auch immer.

Vor diesem krönenden Abschluß bieten sich allerdings noch mehrere großartige Blicke auf die Stadt und die Liebe, wie beispielsweise die skurrile Begegnung Steve Buscemis mit einem kampfeslustigen Pärchen in den Tuileries, eine wunderbar inszenierte Stimme des Gewissens als Chor von Cafégästen in der Bastille oder der stilvoll-sarkastische Dialog zweier sich Scheidender im Quartier Latin. Leider finden sich auch bei dieser Stadtführung einige Sackgassen, die die Frage aufwerfen, wie manch ein vermeintlicher Hochschul-Bewerbungsfilm Eingang in solch eine delikate Sammlung gefunden haben kann. Während sich in Montmartre, an der Quais de Seine sowie im Quartier des Enfants Rouges Belangloses ereignet, streunen am Porte de Choisy asiatische Martial-Arts-Friseusen mit Dominaqualitäten und im Quartier de la Madeleine ein liebestoller Ex-Hobbit mit einer blutrünstigen Vampirin seltsam deplaziert durch den Film.

Keine leichte Aufgabe also, eine in sich stimmige Kompilation mit frischem, multiperspektivischem Blick auf die Stadt der Liebe zusammenzustellen – und auch kein voller Erfolg. Doch trotzdem ist Paris, je t'aime ein spannendes Projekt, ein sehenswertes Kaleidoskop verschiedener individueller Stile und Formen – und ob die Meisterleistungen über die zwei Stunden Laufzeit tragen sowie über die mißlungenen Versuche hinwegsehen lassen können, möge jeder Liebhaber von Autorenkino für sich selbst entscheiden. 1970-01-01 01:00

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