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Pans Labyrinth

El Laberinto del Fauno. MEX/E/USA 2006. R,B: Guillermo del Toro. K: Guillermo Navarro. S: Bernat Vilaplana. M: Javier Navarrete. P: Warner Bros., Tequila Gang, Espernato. D: Ivana Baquero, Doug Jones, Sergi Lopez, Ariadna Gil u.a.
119 Min. Senator ab 22.2.07

Götter, Monster und Soldaten

Von Dietrich Brüggemann Jeder, der als Kind gelegentlich im Kino gewesen ist, kann sich vermutlich an einen Moment erinnern, als ihm das nackte Grauen in den Nacken kroch, weil auf der Leinwand etwas passierte, das einen bis in den Schlaf verfolgte. Meist entstehen solche Momente aus seltsamen Transformationen des menschlichen Körpers, die man als Erwachsener achselzuckend hinnimmt, die für ein Kind jedoch namenlosen Schrecken bedeuten. Bei mir und bei vielen anderen war es zum Beispiel die böse Frau im ansonsten lustigen Superman III, die am Ende in einen Roboter verwandelt wird und mir einfach bodenlose Angst einjagte.

Pans Labyrinth enthält einen solchen Anblick, bei dem selbst Erwachsenen der Mund offen stehen bleibt. Da gibt es nämlich ein bleiches, nacktes Wesen, das keine Augen im Kopf hat – dafür aber in den Handflächen. Es sitzt schlafend an einer reich gedeckten Tafel, und wenn man sich an seinen Speisen bedient, dann wacht es auf, hält sich die Hände mit den Augen vors Gesicht, guckt einen an und frißt einen auf. Das ist so atemberaubend wie beklemmend und könnte einen durchaus bis in die Träume verfolgen.

Trotz seiner kindlichen Protagonistin ist Pans Labyrinth also beileibe kein gewöhnlicher Kinderfilm, eher schon ein filmisches Märchen mit recht einprägsamen Horror-Elementen. Zugleich ist er aber auch eine ganz simple und sehr einfühlsame Geschichte über ein Kind, das in der Erwachsenenwelt herumgeschubst wird, und zwar im Spanien des Jahres 1944. Franco hat gewonnen, seine Armee jagt noch einige versprengte Grüppchen von Partisanen durch den Wald. Ein Offizier bezieht mit seiner Einheit Quartier in einer alten Mühle. Mit dabei ist seine hochschwangere Frau und deren zehnjährige Tochter. Der Offizier erweist sich schon bald als Fiesling, der über Leichen geht und sich vor allem für sein ungeborenes Kind interessiert, von dem er selbstverständlich annimmt, daß es ein Sohn werden wird. Die Tochter entdeckt neben dem Haus ein altes Labyrinth, steigt in einen Schacht hinab und trifft dort den alten Hirtengott Pan, ein Wesen, das seltsam ambivalent zwischen freundlicher Naturgottheit und archaischer Bedrohung schwebt. Pan verrät ihr, daß sie eigentlich die Prinzessin eines versunkenen Reiches sei, und gibt ihr drei Aufgaben, die sie erfüllen muß.

Während der Zustand ihrer Mutter sich immer mehr verschlechtert und ihr Stiefvater, der Offizier, sich immer mehr in ein eiskaltes Monster verwandelt, verstrickt Ofélia sich nun in einer Phantasiewelt, deren Regeln ihr selbst nicht klar sind, deren Existenz selbst höchst fragwürdig ist, für sie aber am Ende alles bedeutet. Und all das passiert mit einer Hingabe und Imagination, daß man eigentlich nur bedauert, daß die Sequenzen in der Realität, mit Rebellen im Wald und Schießereien, insgesamt etwas viel Raum einnehmen. Eine unvergeßliche Performance bietet dabei jedoch Sergi Lopez in der Rolle des Offiziers. Das Scheusal, das er hier zeigt, hat nun wirklich keinerlei menschliche Seiten mehr, aber das erscheint zugleich total plausibel, denn der ganze Film ist aus der Perspektive eines Kindes erzählt, und einem Kind erscheint ein autoritärer Erwachsener exakt so monströs, wie er hier dargestellt wird.

Dieser fremde und eingeschüchterte Blick eines Kindes in die Welt der Erwachsenen, die Gewißheit, daß all dies nur die Oberfläche ist, hinter der etwas ganz Anderes, Eigentliches liegt, und das Gefühl einer unüberwindbaren Fremdheit den Erwachsenen gegenüber sind die Grundpfeiler eines ganzen Genres, das sich Fantasy nennt und das seine Heimat eigentlich in der Literatur hat. Wenn es mal seinen Weg ins Kino findet, dann meist als Literaturverfilmung, bei der der Sinn oft unterwegs verlorengeht, oder als kalkuliertes Kommerz-Projekt. Pans Labyrinth ist anders – es ist ein Autorenfilm, bei dem man in jeder Sekunde die Leidenschaft seines Machers spürt. Guillermo del Toro ist einer jener wenigen Filmemacher, die im Herzen Kinder geblieben sind und es trotzdem geschafft haben, im Filmgeschäft Karriere zu machen. Hier ist es ihm gelungen, einen ganz und gar eigensinnigen Fantasy-Autorenfilm zu machen, der einen in seinen Bann zieht, selbst wenn er manchmal auf dem schmalen Grat zum Kitsch balanciert, und dessen Bilder einem im Gedächtnis bleiben und einem Kraft geben für die nächsten fünf oder zehn realitätsnahen, grauen, atmosphärisch dichten Alltagsfilme, die in der Welt spielen, die wir sowieso kennen. 1970-01-01 01:00

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