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Panic Room

USA 2002. R: David Fincher. B: David Koepp. K: Conrad W. Hall, Darius Khondji. S: James Haygood, Angus Wall. M: Howard Shore. P: Hofflund/Polone. D: Jodie Foster, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Kristen Stewart u.a.
107 Min. Columbia ab 18.04.02
Von Sascha Seiler Das geheime Innenleben von Räumen, ihre metaphysische Präsenz und deren Einwirkung auf die Psyche des Einwohners ist seit jeher ein reizvolles Thema in Literatur, Film und anderen Formen kultureller Artikulation gewesen.
Edgar Allan Poe machte in seiner Chronik vom Untergang des Hauses Usher das Haus als stummen Zeugen zum zentralen Protagonisten und schuf damit Raum zur Spekulation darüber, was diese Gemäuer denn alles haben erleben können und wie sich Schuld aus dem Bewußtsein um diesen stillen Mitwisser im Moment des Konflikts auswirkt. Denn alle Fenster sind Augen und die Wände sollen Ohren haben, das weiß man.

Der Panic Room, ein abgeschotteter Raum in einem Haus mitten in Manhattan, in den niemand eindringen kann, dient dem Bewohner als Refugium vor möglichen Eindringlingen und gleichzeitig als Überwachungssystem. Doch die Undurchdringbarkeit des Panic Room macht ihn auch zum Safe für das Vermögen des reichen Vorbesitzers. Und so geschieht der zu erwartende Einbruch, allerdings gleich in der ersten Nacht, die Meg Altman und ihre diabeteskranke Tochter Sarah im modernen Spukschloß verbringen. Man erhofft, nun beginne der Raum ein Eigenleben zu entfalten, zu atmen und langsam die Psyche der Protagonisten zu beeinflussen. Der für Fincher typisch dreckige Farbton, der jeden seiner Filme beherrscht, wird auch hier von Anfang an, als die Kamera in einer faszinierenden Fahrt das Haus für den Zuschauer und die Protagonisten abtastet, zum Vorzeichen des Unheils, das sich langsam anzubahnen beginnt.

Doch erstmals bewegt sich Fincher weg von seinem Konzept der Vereinnahmung des menschlichen Körpers oder Geistes durch fremde, sowie ureigene unkontrollierbare Kräfte. In Alien 3 schlummerte das Wesen in Ripley selbst, und nur ihr Tod konnte Erlösung sein, in Seven und The Game triumphiert das abstrakte Böse nur durch Zerstörung menschlicher Selbstkontrolle. In Fight Club schließlich ist die Realität letztlich auf den eigenen Körper beschränkt, der Kampf findet nur noch im Menschen selbst statt und die Hölle sind immer die anderen.

Dieses Prinzip scheint Panic Room aufzugreifen – der Mensch und seine geistige Gesundheit gegen das Haus, das gleichzeitig äußerer Feind als auch einziger Verbündeter ist. Der Raum gibt Schutz und er verwehrt gleichzeitig, daß man ihn verläßt. Wie Foster ihre Tochter wohlbehütet aufgezogen haben will, so möchte auch der Raum seine Kinder nicht entlassen, weil in der Welt draußen das Böse wartet. Der Rückgriff aufs Pränatale wird forciert durch die vielen Close-Ups auf nackte Hände und Füße, während die Einbrecher dick angezogen, teilweise sogar ihr Gesicht bedeckend, ihrem Handwerk nachgehen. Der Glauben an einen sicheren und zugleich bedrohlichen Mikrokosmos wird ins Bewußtsein der beiden Individuen zurückgerufen.

Die Idee, die Finchers Werk dominierenden Angstzustände in den klaustrophobischen Kontext eines geschlossenen Raumes zu verlagern, ist auf den ersten Blick äußerst reizvoll. Und dennoch verhindern einzelne Faktoren, daß Panic Room in der Reihe seiner Filme einen rechten Platz findet. Die überraschende Wendung am Ende ist die, daß es keine gibt. Doch es sind vor allem die Einbrecher, die in diesem Werk wie Comicfiguren daherkommen und weder Angst noch die zu oft intendierte Komik verbreiten können. Der grandiosen Jodie Foster und der nicht minder phantastischen Kristen Stewart haben sie schon gar nichts entgegenzusetzen. Und aus diesem Grund kann der Raum zwar seine Schutzfunktion, nicht aber seine Bedrohungsfunktion für den Zuschauer einlösen, und das vermeintlich Böse in Gestalt der Einbrecher verhindert den Einbruch des wahrhaft Bösen einer nicht auszumachenden Bedrohung. So bleibt der Auslöser des Bedrohungszustands lediglich das Fehlen eines inneren Sicherheitsgefühls. Menschen sind Einbildung, nichts existiert, außer dem Raum, in dem ich mich befinde. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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