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Palindrome

Palindromes. USA 2004. R,B: Todd Solondz. K: Tom Richmond. S: Mollie Goldstein, Kevin Messman. M: Nathan Larson. P: Extra Large Pictures. D: Ellen Barkin, Stephen Adly-Guirgis, Richard Masur, Debra Monk, Jennifer Jason Leigh u.a.
100 Min. Celluloid Dreams ab 14.4.05

Animi Limina

Von Sascha Seiler Ein Palindrom ist ein Wort, das man von hinten wie von vorne lesen kann und das stets denselben Sinn ergibt. Also kehrt man bei der Inversion eines Palindroms immer an den Ursprung zurück, Bedeutungen wandeln sich nicht, sondern bleiben in repetitiver Folge stets in ihrer Form bestehen. Eine philosophische Debatte, die Todd Solondz hier entfacht, aber nichts Ungewöhnliches, liest man seine Filme von vornherein als Konzeptfilme, in denen die Form den Inhalt bestimmt und nicht umgekehrt.

Bei Storytelling, seinem letzten Film, war es das Konzept des Geschichtenerzählens, die Dualität von Fakt und Fiktion, aufgeteilt in zwei Geschichten, die eine ausgehend von einer fiktionalen Ebene, die in eine faktuale mündet, nur um am Ende als Fiktion weiterzubestehen und keinerlei Wahrheitsanspruch zu erheben. Was wie ein abstraktes Konzept klingt, packte Solondz allerdings in eine Quasi-Vergewaltigungsszene eines selbsthassenden schwarzen Literaturprofessors, der, während er seine Studentin brutal unterwirft, als »Nigger« beschimpft werden will. Als sie ihre wahre Geschichte in der Literaturklasse vorträgt, fällt sie wegen des unkaschierten Rassismus bei den Mitstudentinnen in Ungnade.

Palindrome funktioniert ähnlich, nur ist die Darstellungsebene wesentlich komplexer: Solondz erzählt in neun Episoden die Geschichte eines 13jährigen Mädchens namens Aviva, das nach dem Selbstmord ihrer Schwester unbedingt ein Kind möchte und sich dieses vom gleichaltrigen Nachbarjungen auch, im wahrsten Sinne des Wortes, machen läßt. Sie flieht vor ihren doch recht liberalen Eltern, gerät an einen gebrochenen, pädophilen Truckfahrer mit analen Präferenzen, dann, in der längsten Sequenz, in eine Familie von religiösen Fanatikern, deren mütterliches Oberhaupt den Namen Mama Sunshine trägt und über eine Schar geistig und körperlich behinderter Kinder herrscht, die sie alltäglich mit den Theorien der religiösen Rechten füttert. Nach einem Attentat auf einen berühmten Abtreibungsarzt flieht das Mädchen auch hier und kehrt nach Hause zurück. Wirkt als Plot eigentlich recht geradlinig, das Problem dabei ist nur, daß Solondz Aviva in jeder Episode von einer anderen Schauspielerin spielen läßt. Ist sie am Anfang noch ein geistig behindertes, schwarzes Mädchen, so wird sie zu einem weißen Durchschnittsteenager, einem Jungen, während der Mama-Sunshine-Episode zu einer 150kg schweren schwarzen Frau und am Ende gar zu Jennifer Jason Leigh. Als es beim versöhnlichen Schluß zu einem weiteren Verkehr mit dem Nachbarsjungen (auch er radikal verändert) kommt, verwandelt sie sich in einer Sequenz in all die dargestellten Figuren zurück, bis wir wieder beim behinderten Mädchen sind.

Solondz möchte in diesem Film auf eine sehr radikale und manchmal auch zweifelhafte Weise sagen, daß ein Mensch ähnlich dem Palindrom determiniert ist und sich auch trotz radikaler Anstrengungen nicht ändern wird. Die Formwandelphantasien bleiben als solche bestehen, das Ende der Odyssee gleicht dem Anfang, nichts gewinnt die Figur an Erkenntnis. Die Determinierung der Figuren ist sowohl innerlich als auch zugeschrieben, und an diesen zugeschriebenen Rollen läßt sich in einem Klima religiösen Fanatismus', wie er in Teilen der USA herrscht, nichts ändern. Solondz gibt sich hier viel, teilweise auch berechtigter moralischer Kritik preis, wenn er gerade das Spiel mit der Determinierung von Pädophilie auf die provokante Spitze treibt. Da wird nicht jeder das angebliche, intellektuelle Spiel mit Determinanten herauslesen können, sondern einfach eine Verharmlosung sozialer Problematiken. Natürlich ist es angenehm, daß hier nicht nur die religiöse Rechte, sondern auch die stets im Diskurs stehenden Liberalen abqualifiziert werden. Doch andererseits bleibt die Frage, ob diese Kritik an der sozialen Determinierungswut nicht auch die falschen Täter zu Opfern stilisiert. 1970-01-01 01:00
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