— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke

D/ARG 2006. R,B: Carlos Echeverria. K: Ramiro Civita, Heribert Kansy. P: Terrha & Gutierrez Films GmbH. D: Erich Priebke, Jorge Priebke, Pedro Bianchi, Ines Sauter, Joaquin Saavedra, Hans Schulz u.a.
90 Min. Verleih ab 9.11.06

Einmal Führer, immer Führer

Von Julian Tyrasa Pakt des Schweigens dokumentiert das Leben des ehemaligen SS-Hauptsturmführers Erich Priebke, der neben anderen schweren Kriegsverbrechen in Italien die Hinrichtung von 335 Zivilisten durchführte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs versteckte er sich zunächst in Südtirol und übersiedelte in den 50er Jahren in die argentinische Kleinstadt Bariloche. Dort arbeitete er u.a. als Oberkellner und Feinkosthändler und gewann bald als Repräsentant der deutschen Gemeinde und Vorstand der Deutschen Schule Capraro immer mehr an Ansehen und Einfluß, bis er 1994 entdeckt und der italienischen Justiz ausgeliefert wurde.

Die Tatsache, daß viele deutsche Kriegsverbrecher unter anderem in Argentinien ein neues und unbehelligtes Leben führ(t)en, ist bekannt – doch die Fülle an Details, die Carlos Echeverría in seinem Film aufdeckt, läßt einen geradezu schwindelig werden. Fassungslos verfolgt man die scheinbare Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der die katholische Kirche, Präsident Perón, aber auch die Deutsche Botschaft die Flucht dieses Massenmörders vor der Justiz unterstützt hat – kein Wunder, ist man versucht zu sagen, daß Priebke sich auch heute noch keiner Schuld bewußt ist, sich nicht einmal als Kriegsverbrecher sieht, da er ja »keine Juden getötet« habe, wie er dreist in einem Fernsehinterview sagt.

Durch eine Fülle an Bild- und Filmmaterial, aber auch durch nachgestellte Szenen entsteht das Bild eines Mannes, dessen Selbstgefälligkeit und Eitelkeit noch heute an den unsäglichen Begriff der »Herrenrasse« denken lassen; Priebke hatte sich über vierzig Jahre lang nicht einmal unauffällig verhalten, sondern war stets stolz auf seine Vergangenheit, prahlte bei den Hotelmitarbeitern sogar damit, einige Erschießungen eigenhändig vorgenommen und mehr Zivilisten umgebracht zu haben, als ihm befohlen war.

Es ist daher ein großes Verdienst des Films, den titelgebenden »Pakt des Schweigens« zu brechen, den die Bewohner von Bariloche über Jahrzehnte praktizierten. Darüber hinaus hat er aber noch eine andere, ganz persönliche Ebene. Denn Regisseur Echeverría ist selbst in Bariloche aufgewachsen und besuchte als Halbdeutscher sogar die Schule, deren Leitung Erich Priebke später übernehmen sollte. Diese Motivation, sich mit den Fragwürdigkeiten der eigenen Kindheit zu befassen, prägt den Film und ist zugleich sein größter Gewinn. Man hat das Gefühl, daß da jemand beinahe therapeutisch arbeitet und gründlich saubermachen will, was bis in nuancierte Erinnerungen reicht (daß z.B. »Führers Geburtstag« immer wie selbstverständlich als zeitliche Orientierungshilfe benutzt wurde). Solche scheinbaren Kleinigkeiten lassen erahnen, wie sehr das Brecht-Zitat »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch« in Bariloche seine Gültigkeit hat(te). Zwar sind die nachgestellten Szenen aus der Jugend des Regisseurs (mit Echeverrías Sohn Pedro in der Rolle seines Vaters) recht ungelenk und simpel inszeniert, doch sie unterstützen die Atmosphäre der Bedrohung, die von Priebke und den anderen Deutschen in Bariloche ausgegangen sein muß. Diese sinnliche Ebene ist eine wichtige Ergänzung zum Informationsgehalt der packenden Dokumentation und zeigt, wie man ein Thema sehr persönlich präsentieren kann, ohne die eigene Person so penetrant in den Mittelpunkt zu rücken, wie es etwa Michael Moore oder Morgan Spurlock in den letzten Jahren etabliert haben.

Auch Pakt des Schweigens spart nicht an effektvollen Inszenierungen und Schnitten, erzeugt Spannung wie im Thriller durch Kamerafahrten und -verfolgungen sowie die schleichende, dissonante Musik von Leandro Drago, doch dienen diese filmischen Mittel nicht der Überwältigung des Zuschauers, sondern unterstreichen lediglich die illusionäre Hoffnung, daß eine solche Geschichte um einen derartig dreisten Verbrecher doch eigentlich nur erfunden sein kann. Die Fassungslosigkeit und Wut, mit der Carlos Echeverría alle Tatsachen ans Tageslicht zerrt, gibt der Dokumentation ihre Kraft und Intensität und stellt kluge universelle Überlegungen an zu den Themen Macht und Gehorsam, Schuld und -bewußtsein, die weit über den konkreten Fall des Erich Priebke hinausgehen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap