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Pakt der Wölfe

Le pacte des loupes. F 2001. R,B: Christophe Gans. B: Stephané Cabel. K: Dan Laustsen. S: Xavier Loutreuil, Sébastien Prangère, David Wu. M: Joseph LoDuca. P: Studio Canal. D: Samuel Le Bihan, Mark Dacascos, Emilie Dequenne, Vincent Cassel, Monica Bellucci u.a.
142 Min. Buena Vista ab 14.2.02
Von Matthias Grimm Veränderung ist immer ein Akt der Gewalt. Daß diese Gewalt nicht zwangsweise physischer Natur und die Veränderung nicht politisch sein muß, ist nicht unbedingt selbstverständlich, und interessant wird es vor allem dann, wenn beide Arten miteinander verschränkt sind: wenn Ideologie gewaltsam die Welt verändert.

Die Zeit der Aufklärung war eine dieser Phasen, in denen Philosophen den Aufstand erzwangen und dabei nicht nur die Welt des reinen Denkens, sondern auch die Realität grundlegend beeinflußten. Folge war ein Konflikt, der mit seinen schier unendlichen Dichotomien aus Glaube und Wissenschaft, Bürgertum und Adel, Gewalt und Freiheit eine bare Masse an Thematiken anbietet, und die Art und Weise, wie Christophe Gans ihrer Vielschichtigkeit Herr wird, ist schlicht beeindruckend.

Als klassischer Monster-Film beginnt Pakt der Wölfe, optisch auf der Höhe der Zeit, inszenatorisch und atmosphärisch sicher. Mit »eine Art Sleepy Hollow auf französisch« ist die Handlung kurz zusammengefaßt, doch schnell wird klar, daß Gans weiter geht, als es Burton je ahnen konnte. Das Mysterium, das er aufbaut, bleibt nicht als Ursache des Schreckens, den es bewirkt, stehen, ist nicht nur das manifestierte Andere, sondern wird in ein komplexes Netz aus Allegorien eingebunden, das sich lange Zeit seiner Entwirrung entzieht. Die Bestie repräsentiert einmal mehr den Mythos, den die neue Welt gewaltsam verlassen will, der so wenig Platz hat in dem aufklärerischen Reich der Vernunft und der sich dennoch jedem Versuch einer Erklärung widersetzt.

Zeit für antike Heldenfiguren, den Drachentöter, doch dieser hier ist anders, nicht der Detektiv von Burton, nicht der Einäugige unter den Geblendeten, der sich seinen eigenen Dämonen stellt, um den realen zu besiegen. Der Chevalier de Fronsac entspricht als Naturforscher, Schöngeist und Soldat einem neuen Ideal, das nicht nur die Revolution bewirken, sondern in der Gewaltenteilung seine politische Entsprechung finden wird. Das Wilde, Mythische ist ausgelagert, personifiziert in seinem Begleiter Mani, dem Fremden, und daß Gans sein europäisches Märchen hier mit amerikanischen Indianerlegenden vermischt – oder besser: verwässert – ist eine Schande für den Film.

Als René Descartes seinen Gang des Zweifels antrat und an dessen Ende nur die Erkenntnis über seine eigene Existenz fand, zerbrach er die äußere Welt und mußte sie erst mühsam wieder aufbauen. Auch die Jagd nach der Bestie ist eine Suche, eine Katharsis der dialektischen Welt, und nur der beharrliche Zweifel führt letztlich zum Ergebnis. Dort, am Ende, steht einmal mehr die Lüge, der Inbegriff jeden Zweifels, und verweist auf den Menschen als das Realität-konstituierende Subjekt, auf genau das Monster, wie es die Moderne nicht mehr loslassen wird.

Bis zu diesem Punkt fallen dem Film allenfalls Schönheitsfehler anheim: Die gelegentlich ausufernden Kameraeskapaden und die von Hongkong-Filmen inspirierten – und für den französischen Legendenkontext völlig unpassenden – Kampfszenen gehen als Zugeständnis an das Massenpublikum durch. Daß Gans sein Mysterium behutsam aufbaut und es mit aller Strenge für sich behält, zeichnet ihn aus, und daß er es am Ende doch völlig belanglos auflöst, macht alles zunichte.

Ja, wie ein Schnitt mit der Guillotine fühlt es sich an, wenn sich die vielschichtige Parabel zum Schluß in ein gräßlich konventionelles Horror-Action-Movie verwandelt, mit dessen Mitteln sie vorher noch so gekonnt spielte, dessen Versuchungen sie immer wieder bravourös widerstand. Immerhin: »Veränderung durch Gewalt« war meine These, und durch den brachialen Wandel, den dieser Film vollzieht, wird diese in Perfektion unterstützt. Mir allerdings hat es ganz schön wehgetan. 1970-01-01 01:00

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