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Otomo

D 1999. R,B: Frieder Schlaich. B: Klaus Pohl. K: Volker Tittel. S: Magdolna Rokob. M: Freundeskreis – Don Philippe. P: filmgalerie 451. D: Isaach de Bankolé, Eva Mattes, Hanno Friedrich u.a.
85 Min. MFA ab 27.1.00

Fiktive Authentizität

Von Mark Stöhr Stoffe von sozialpolitischer Relevanz sind nicht eben im Trend. Wenn man von einer gewissen »Entdeckung des Realen« sprechen kann, dann überwiegend auf formaler Ebene: Fiktionale Geschichten werden mit dokumentarischen Mitteln erzählt. Die Besonderheit von Frieder Schlaichs Otomo ist nicht nur, einen tatsächlich stattgefundenen, politisch brisanten Fall zu behandeln, sondern Authentizität in eine artifizielle Filmsprache zu überführen, die mit dem Vokabular des deutschen Autorenkinos der 70er Jahre operiert.

Zur Chronik des Geschehens: 1989 tötete in Stuttgart ein westafrikanischer Asylbewerber zwei Polizisten mit einem Messer und verletzte drei weitere schwer, bevor er selbst den Schüssen eines der Beamten zum Opfer fiel. Er hatte wenige Stunden zuvor einen Fahrkartenkontrolleur zu Boden geschlagen, der eine vermeintliche Schwarzfahrt ahnden wollte.

Die hierauf von der Polizei eingeleitete Fahndung fand ihren traurigen Abschluß in der tödlichen Konfrontation auf einer Autobahnbrücke. Über die Person des Mörders und seine Motive wurde legendenreich fabuliert, zu tief saß der Schock und zu schwer waren die hochgepushten Ressentiments, um besonnene Analysen zuzulassen.

Auch Frieder Schlaich erzählt in Otomo eine »fabelhafte« Geschichte. Sie folgt der Dramaturgie der beiden, von den Polizeiprotokollen zweifelsfrei überlieferten Ereignisse – dem Handgemenge in der U-Bahn und der Eskalation auf der Brücke – und beschreibt die vier letzten Stunden des Kameruner Asylbewerbers Frederic Otomo, seine Flucht und seine Verfolgung durch zwei Polizeibeamte. Der Film jedoch legt sein fiktives Spiel offen und vermeidet jeden Gestus des Authentischen. Das erhöht seine Glaubwürdigkeit. Faktische Rechercheergebnisse Schlaichs bilden das Fundament für eine autonome Bilderproduktion. Gegen den Rumor des Spekulativen setzt er die Klarheit analytischer Erzählstrategien.

Frederic Otomo lebt seit acht Jahren in Deutschland. Er ist lediglich geduldet, darf nicht arbeiten, hat kaum sozialen Kontakt. Nach dem Zusammenstoß in der U-Bahn wird er von den beiden Polizeibeamten Heinz und Robert verfolgt. Otomo findet vorübergehend Unterschlupf bei Gisela, die ihm Geld geben soll für seine weitere Flucht. Die aufkeimende Nähe zwischen den beiden wird jedoch abrupt beendet.

Diese Kriminalstruktur ist nur der äußere Rahmen für die Themen- und Klimafelder, die Otomo entlang seines zwangsläufigen Weges vom Ausgangs- zum Zielpunkt eröffnet. Es ist eine Aneinanderreihung von kleinen Kammerspielszenen, dramatischen Miniaturen, die die grenzenlose Perspektivlosigkeit und Desillusionierung Otomos, den plötzlichen Jagdtrieb Heinz' angesichts der sonstigen Alltagsbanalität und die Sehnsucht Giselas nach dem exotischen Fremden gleichsam ins Exemplarische heben.

Der Film betreibt streckenweise eine an Fassbinder erinnernde Formalisierung mit Figuren, die ihre Sätze hölzern-emotionslos deklamieren und mit jeder Kontaktaufnahme ihre gegenseitige Distanz bestätigen. Reste von Solidarität flackern auf und weichen schnell wieder einer halsabschneiderischen Berechnung. Kleine und große Rassismen purzeln wie von selbst aus den Mündern und werden gelangweilt zur Kenntnis genommen. Selbst das mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Otomo und Gisela wird am Ende zum melodramatischen Genrezitat.

Otomo entwirft ein düsteres Puzzle der End-80er. Daß der Film, und damit das Leben Frederic Otomos, kein Happy-End haben würde, war klar, daß es dazu aber zu keinem Zeitpunkt die geringste Chance gab, ist ziemlich deprimierend. 1970-01-01 01:00

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