— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Osama

AFG/J/IRL 2003. R,B,S: Siddiq Barmak. K: Ebrahim Ghafuri. M: Mohamad Rezadarvishi. P: Barmak Film, NHK. D: Marina Golbahari, Arif Herati, Zubaida Sahar, Khwaja Nader u.a.
83 Min. Delphi ab 15.1.04

Rückkehr der Bilder

Von Christoph Pasour Afghanistan teilt das Schicksal all jener Länder, die zwischen den Interessen der Mächtigen aufgerieben wurden und dabei keine Möglichkeit fanden, die eigene Stimme zu erheben. Wie allerdings in Afghanistan in jahrzehntelangen Kämpfen die Ansätze westlich geprägter Werte und Gesellschaftsvorstellungen ausgelöscht wurden, sich selbst traditionelles Wissen und Kultur in der Logik des permanenten Krieges verflüchtigten, das sucht seinesgleichen. Wenn Afrikas »Herz der Finsternis« im ehemaligen Zaire schlug, dann dasjenige Asiens in Afghanistan. Ein Land, das die religiösen Fanatiker der Taliban in ein stummes und bilderloses Niemandsland verwandelten. Was uns manchmal aus diesem Nichts erreichte, klang erschreckend, war aber nur sehr schwach zu vernehmen. Allerdings gilt, wie immer: Wer es wissen wollte, konnte es wissen.

Wer es wissen wollte, konnte zum Beispiel wissen, wie elend die Situation der Frauen in Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban war, die (vorläufig?) mit dem amerikanischen Angriff im Herbst 2001 endete. Daß der erste Film, der dieses Thema aufgreift, dabei kein weiterer Baustein westlichen gesättigten Unbehagens ist, das sich auch mal so etwas wie Winterbottoms In this World leistet, darf als großer Gewinn betrachtet werden. Denn mit dem afghanischen Regisseur Siddiq Barmak hat sich jemand gefunden, der mit Osama den ersten Spielfilm nach der Taliban-Herrschaft fertiggestellt hat und seinem Land eine eigene Stimme verleiht.

Dabei ist Barmak, seit Anfang der 90er Jahre Direktor der staatlichen Produktionsfirma und des Filmarchivs »Afghan Film«, ein Pionier einer filmischen Infrastruktur in Afghanistan, dessen Leben als Kämpfer der Mudschaheddin und Gefährte des legendären Führers der Nordallianz, Massoud, aufs Engste mit dem Schicksal seines Landes verbunden ist. Vermutlich ist die Intensität jeder Einstellung des Films aus eben diesen Erlebnissen Barmaks erwachsen, dem Zeugnis eines Albtraumes.

Afghanistan irgendwann während der sechs Jahre des Regimes. Die Frauen stecken in einem Dilemma: Die Kriege haben unzählige von ihnen zu Witwen gemacht. Doch wie den Lebensunterhalt verdienen, wenn sie nur in Männerbegleitung das Haus verlassen dürfen? Eine Mutter weiß sich nicht anders zu helfen, als ihre 12jährige Tochter als Jungen zu verkleiden und bei einem Bekannten zum Arbeiten zu schicken. Kurzgeschoren funktioniert ihre Tarnung, und der Junge Espandi, der ihr Geheimnis kennt, erweist sich als guter Freund. Er deckt sie und gibt ihr den Namen Osama.

Barmak ist tatsächlich ein brillanter Film gelungen, in dessen Bildern atmosphärisch dicht der alltägliche psychische und physische Terror eingeschrieben ist. Die Taliban-Milizen etwa, die in ihren dunklen Gewändern schattenhaft die Szenerie durcheilen, erscheinen anfangs seltsam irreal. Und doch beherrscht die Angst vor ihnen alles Denken und Handeln. Die Genauigkeit der Bilder äußert sich auch in einer manchmal irritierenden Bildpoesie – etwa in den ersten Einstellungen, wenn tausende Frauen in ihren strahlend blauen Burkhas in einem Demonstrationszug durch die okkerfarbenen Ruinen einer Stadt ziehen. Das Protestgeschrei gegen das Elend dringt unter den wunderschönen Gewändern hervor, die Kamera tastet die strengen Formen des Faltenwurfes ab und die Bilder changieren zwischen Verzweiflung, dem Apokalyptischen der Szenerie und unerhörter Schönheit. Eine exakte Ambivalenz, die sich auch in der Rolle des Mädchens findet, das mit jeder Bewegung, jedem Blick den Konflikt zwischen äußerem Zwang und verleugneter weiblicher Identität austrägt.

Osama hatte in Cannes riesigen Erfolg, schließlich ruhen wir normalerweise in bequemer Ignoranz, um uns anschließend genauso bequem in der Betroffenheit einzunisten. Nimmt man die Selbstbespiegelung beiseite, vermittelt der Film jedoch ein Anliegen, das gar nicht hoch genug einzuschätzen ist: daß hier ein Abgrund aufgezeigt wurde, der die fragile politische Lage Afghanistans immer noch bedroht. Seine einzige Chance liegt in einer Zukunft, die derlei Exzessen etwas entgegensetzen kann. Dafür müssen diesem Land die Bilder und Klänge, eine Sprache zurückgegeben werden. Osama wagt einen Anfang. 1970-01-01 01:00

Abdruck

© 2012, Schnitt Online

Sitemap