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Ordinary Decent Criminal

GB 1999. R: Thaddeus O'Sullivan. B: Gerry Stembridge. K: Andrew Dunn. S: William Anderson. M: Damon Albarn. P: Little Bird/Tatfilm. D: Kevin Spacey, Linda Fiorentino, David Hayman, Peter Mullan, Stephen Dillane, Helen Baxendale u.a.
93 Min. Zephir ab 4.5.00
Von Natalie Lettenewitsch Ein gutes Filmjahr für den üblichen Verdächtigen Kevin Spacey, nicht nur der weiteren Oscarnominierung wegen: Seinen eigentlichen großen Auftritt, sieht man über für irisches Publikum vermutlich frappierende Akzentprobleme hinweg, hat er hier als Dubliner Obergauner Michael Lynch.

Der Sozialhilfeempfänger und Familienvater klaut und trickst, um der Obrigkeit eins auszuwischen, und wird dabei zusehends ehrgeiziger; natürlich verfolgt von einem ihm nicht unähnlichen Detective, der seine Handschrift stets erkennt und ihn doch nie überführen kann. Kein glatter Robin-Hood-Sympathieträger aber, läßt er Mitstreiter bei schiefgelaufenen Aktionen schon mal mafiös foltern. Spacey, dessen überwiegend maskiertes Auftreten, beziehungsweise ohnehin auch in sichtbarem Zustand minimalistische Mimik, seine schauspielerische Präsenz nicht schmälert, steht dermaßen im Mittelpunkt, daß die Nebencharaktere auch aus einem offenkundigen Desinteresse an präziser Psychologie heraus oft nur flüchtig angerissen sind.

Definitiv zu wenig sieht man (und damit sind keine physischen Merkmale gemeint) von Linda Fiorentino, nachvollziehbarerweise von Spacey selbst als Partnerin gewünscht, sowie von Helen Baxendale, die gemeinsam die perfekte Männerphantasie einer harmonischen, nicht weiter erklärten Menage à trois bedienen, und Lynchs vermeintliche, deformierte Leiche entsprechend beide am Schwanz identifizieren können.

Die Figuren seien lediglich »inspiriert« durch authentische Charaktere: Thaddeus O'Sullivan und der angesehene irische Bühnen- und Drehbuchautor Gerry Stembridge haben sich verzweifelt bemüht, nicht zu direkt den Eindruck eines Blitz-Remakes von The General zu erwecken, John Boormans erst letztes Jahr gelaufener Charakterstudie des realen Gangsters Martin Cahill – was durch Namensänderungen allein freilich noch nicht zu erreichen ist.

Ordinary Decent Criminal verbindet gleichfalls Arbeiterklassenromantik mit Gangstermilieu und stellt einen Einzelkämpfer in Opposition zu Staat und Polizei einerseits und IRA andererseits. Er hat jedoch durchaus seine spezifische und eigenständige Qualität – als ein bewußt vereinfachender, geradliniger, fast altmodischer Räuber-und-Gendarm-Film.

Die dramaturgischen Wendungen sind nicht sonderlich überraschend und die Aktionen des raffinierten Meisterdiebes nicht übermäßig ausgefeilt. Gerade ihr simpler Charakter macht allerdings zum Teil den komödiantischen Charme des Filmes aus, wenn etwa die Gang als Horde amerikanischer Touristen verkleidet wie ein wildgewordener Haufen mit Kunstschätzen aus dem Museum stürmt.

Eine zentrale Rolle spielt hierbei »Die Ergreifung Christi« von Caravaggio: Begeistert von der Information, daß der Maler sich für seine Heiligenbilder Bettler und Gauner als Modelle von der Straße holte, sieht sich der nach unsterblichem Ruhm trachtende Underdog Lynch per Morphing-Trick selbst ins Gemälde versetzt und bekommt dabei die Idee zum großen Coup, den er mit dem verabredeten Zeichen »Judaskuß« beginnen läßt. Das ironische Spiel mit diesem Bild, eine temporeiche Montage sowie der treibende Score von Blur-Frontmann Damon Albarn (und ganz nebenbei ein Kurzauftritt von Herbert Knaup) machen Ordinary Decent Criminal allemal unterhaltsam. 1970-01-01 01:00

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