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Onegin

GB 1999. R: Martha Fiennes. B: Michael Ignatieff, Peter Ettedgui. K: Remi Adefarasin. S: Jim Clark. M: Magnus Fiennes. P: Baby Productions. D: Ralph Fiennes, Liv Tyler, Martin Donovan, Lena Headey, Toby Stephens u.a.
106 Min. Helkon ab 21.9.00
Von Sophia Dauber Für seinen Hang, Außenseiter zu spielen, und den immer leicht unterkühlt wirkenden Blick aus den unheimlich blauen Augen ist er berühmt geworden. Und geradezu symbiotisch paart sich Ralph Fiennes' Spröde mit Schwester Marthas verhalten wirkender Inszenierung des klassischen Topos' zurückgewiesener Liebe, die zu spät als die wahre erkannt wird – und enthüllt ein Tableau der Tragik menschlicher Seelenlandschaft, von der ein English Patient nur träumen kann.

Ob in den urbanen Salons oder in der freien Natur – stets weiß Regisseurin Fiennes ihre Hauptfigur so zu positionieren, daß deren Unverbundenheit mit dem Geschehen und die innere Getriebenheit visuell spürbar wird.

Schon die Eingangssequenz, die die Eile von über den Schnee fliegenden Pferdehufen mit der scheinbaren Ruhe im Inneren der Kutsche unterschneidet, in der der gelangweilte Bohemien Onegin sitzt, etabliert den zentralen Konflikt: Er ist ein Reisender, dessen eigentliches Ziel es ist, bei sich selbst anzukommen. Sein Ausflug zum geerbten Landsitz des Onkels bildet Auftakt und Endpunkt zugleich – ab hier wird Onegin sich unweigerlich in den Stricken des eigenen Schicksals verfangen. Lensky, ein amüsierwilliger Heißsporn, verschafft ihm das Entrée in die biedere ländliche Gesellschaft und Begegnungen mit Tatiana, der jüngsten Tochter seiner Nachbarn.

Fast scheint es, als könne sie sein von dekadenter Blasiertheit verdunkeltes Gemüt aufhellen – wie eine Lichtgestalt bricht diese kindliche Unschuld im weißen Kleid in den Halbschatten der Oneginschen Bibliothek ein. Keine folgenlose Begegnung: Wie ihre Schwester Olga mit Lensky, glaubt auch Tatiana an eine Heirat als einzig probates Mittel, dem langweiligen Dasein zu entkommen. So sieht man sie am Boden kauernd, sich ein werbendes Schreiben an Onegin abringend. Wie unglücklich das Ausmaß ihres nicht standesgemäßen Unterfangens jedoch wirklich ist, verrät die antizipierende Parallelmontage. Während Onegin ihr Schreiben in die Flammen werfen will, sieht man die verzweifelte Tatiana beim Versuch, die tintenverschmierten Finger am weißen Kleide abzuwischen – als wolle sie dadurch ungeschehen machen, was ihr soeben aus der Feder floß.

Auf Tatianas Geburtstagsfeier wird die symbolische Zurückweisung bittere Realität – wie um ihrer Leidenschaft zusätzlich zu spotten, bittet Onegin ihre Schwester zum lasziven Tanz. Vieles in diesem Film jedoch bleibt Andeutung, nur weniges wird ganz ausgespielt – und wenn, dann trifft es mit voller Wucht wie die Kugel in Lenskys Kopf, nachdem er Onegin zum sinnlosen Duell forderte.

Trotz sechs Jahren als Auslandsaufenthalt getarnter Selbstflucht – für Onegin gibt es kein Entkommen. Tatiana ist durch arrangierte Heirat mit einem Adeligen der gesellschaftliche Aufstieg gelungen. Bei ihrer Wiederbegegnung trägt sie verführerisches Rot auf den Lippen und am Körper – Ausdruck ihrer Reife und ihres (unerfüllten) Begehrens, aber auch ihrer gewonnenen Stärke, nun ihrerseits Onegin abzuweisen. Schwarz gekleidet wirft er sich in einem riesigen überhellen Zimmer, durch dunkles Mobiliar kadriert, der nun wieder in weiße Spitze gehüllten Tatiana vergeblich flehend zu Füßen.

Daß diese Neuverfilmung des Puschkinschen Versromans nicht zum pathetisch-geigenlastigen Rührstück verkam, sondern an ähnlich sperrige Literaturverfilmungen wie Winterbottoms Jude erinnert, macht sie zu einem kleinen Arthouse-Juwel. Onegin ist ein spröder Film geworden, der genau daraus seine immense Kraft bezieht. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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