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Oliver Twist

CZ 2005. R: Roman Polanski. B: Ronald Harwood. K: Pawel Edelman. S: Hervé de Luze. M: Rachel Portman. P: R.P., Runteam II, Etic. D: Barney Clark, Sir Ben Kingsley, Jamie Foreman, Harry Eden u.a.
130 Min. Tobis ab 22.12.05

Weihnachtskino

Von Sebastian Gosmann Die erste Frage, die sich bei der Neuverfilmung eines Literaturklassikers unwillkürlich stellt, ist jene nach ihrer Berechtigung; zumal sich in diesem Fall schon vor Polanski einige Filmemacher an Dickens' Vorlage versucht haben und mit David Leans Version aus dem Jahr 1948 bereits eine hochgeschätzte Umsetzung dieses zweifellos ewig aktuellen Stoffs existiert. Interessant ist also, ob der Meister die mit der Entscheidung für die wohlbekannte Waisenjungen-Geschichte verbundene Gefahr der Belanglosigkeit abzuwenden imstande war.

Gleich zu Beginn gelingt es Polanski, wahrhaft zu entzücken: Wenn eines der während des Vorspanns präsentierten und vom Betrachter wie selbstverständlich als Werke der Malerei akzeptierten Bilder sich unvermittelt auflöst im ersten (eigentlichen) kinematographischen Motiv des Films, so werden mit diesem Kunstgriff auf ungemein charmante Weise gut 70 Jahre Mediengeschichte übersprungen. Das mag vielleicht kein brandneuer Einfall sein. Dennoch wird dieses visuelle Bonbon vom Auge des Zuschauers freudig verschlungen. Zudem läßt dies schließen auf ein gehöriges Maß an Detailverliebtheit – vom Set Design bis zu den Kostümen – welche dem Film, wenn nicht den Charme des Authentischen, so doch einen seinem Sujet perfekt angepaßten, (düsteren) Charakter verleihen.

Vollends überzeugen kann Ben Kingsley in der Rolle des ebenso diebisch wie schizophren veranlagten Fagin. Seine an Helge Schneider (die Aussprache) und das Gollum (die physische Erscheinung) erinnernde Darbietung ist einfach sehenswert. Fagins zeitweise fast schon goldiger Art steht eine zweite, sagen wir, psychisch nicht ganz austarierte Persönlichkeit gegenüber, die nicht nur beim Titelhelden latentes Mißtrauen hervorruft. Und doch berührt Polanskis Oliver Twist nicht wirklich. Man verläßt das Kino mit einem – ob der unmenschlichen Grausamkeit des soeben Gesehenen – merkwürdig anmutenden Egalgefühl. Dies liegt womöglich daran, daß das Potential des von Jamie Foreman verkörperten Bösewichts Sykes nicht so recht zur Entfaltung kommt. Trotz all der unschönen Taten, bei denen wir ihn beobachten, mag man ihm nicht wirklich Respekt zollen, geschweige denn ängstlich zusammenzucken, sobald er die Szenerie betritt. Ihm fehlt einfach eine gewisse Grundboshaftigkeit.

Oliver Twist als belanglos zu bezeichnen, wäre sicherlich eine zu rigorose Behauptung. Polanskis Film ist sicherlich nicht schlecht. Er weiß lediglich nicht zu betreffen, nicht mitzureißen, kurz: nicht derart zu beeindrucken, wie David Lean es vor knapp sechzig Jahren vermochte. 1970-01-01 01:00
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