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Oldboy

Oldeuboi. ROK 2003. R,B: Park Chan-wook. B: Hwang Jo-yun, Lim Jun-hyeong. K: Jeong Joeng-hun. S: Kim Sang-beom. M: Jo Yeong-wook. P: West Side Films Show East Co. D: Choi Min-sik, Yu Ji-tae, Gang Hye-jeong u.a.
120 Min. 3L ab 2.9.04

Film ohne Gnade

Von René Wynands Das Faszinierende am asiatischen Kino ist seine Radikalität. Es ist ein Kino der Extreme. Nicht nur Action und Gewaltdarstellung sind extrem, auch in ästhetischem Sinne überschreiten asiatische Filme beherzt alle vom westlichen Film sorgsam gepflegten Grenzen. Oldboy ist so eine Radikalformulierung. Ein Angriff in philosophischem wie ästhetischem Sinne, brutal, verstörend, traumatisch – und wunderschön. Eine von Tarantino angeführte Cannes-Jury konnte gar nicht anders entscheiden, als diesem Werk des koreanischen Regisseurs Park Chan-wook den Grand Prix zu verleihen.

Park, der studierte Philosoph, wurde vor vier Jahren in seinem Heimatland mit JSA – Joint Security Area berühmt (damals der erfolgreichste koreanische Film aller Zeiten). Kurz darauf begründete er mit Sympathy for Mr. Vengeance seine Rache-Trilogie, deren zweiter Teil nun Oldboy ist. Basierend auf einer japanischen Manga-Book-Serie, erzählt der Film von Oh Dae-su, der – ohne den Grund für sein Martyrium zu kennen – in einer Hotelzimmer-ähnlichen Zelle mit großgemusterter Tapete und einem Fernsehgerät als einzigem Kontakt zur Außenwelt gefangen gehalten wird. In einem Zustand zunehmenden Realitätsverlustes wächst in Dae-su die unbändige Gier nach Rache an seinem unbekannten Peiniger. Jedes Jahr tätowiert er sich einen Strich auf den Handrücken. Nach fünfzehn Strichen erwacht er auf dem Dach eines Hochhauses in Seoul: verwahrlost, emotional degeneriert und getrieben von nur einem Wunsch: herauszufinden wer ihn eingesperrt hat und an ihm Rache zu nehmen. Er wird ihn finden und feststellen, daß sein Martyrium gerade erst begonnen hat.

Park erzählt diesen Plot in atemberaubenden, verstörenden Bildern, die den Bewußtseinszustand von Dae-su widerspiegeln: In Momenten emotionaler Geborgenheit geprägt von stark gesättigten Farben, in Momenten der Rache kalt und grau. Extreme Perspektiven und unvermittelte Schnitte tauchen das Geschehen – in dem sich Rückblenden, Traumsequenzen und Realität übergangslos vermischen – in eine surreale Atmosphäre. Die fragmentarische Erzählweise, die nur soviel Handlungsmomente zeigt, wie für das Verständnis unbedingt nötig, die vieles bei Andeutungen beläßt und mit einer fast schon an künstlerischer Arroganz grenzenden Fülle schwer decodierbarer Symbole angefüllt ist, tut ihr übriges, um dem Betrachter die Kontrolle Über die Rezeption zu entziehen. Schon nach wenigen Bildern wird er in einen Strudel extremer Emotionen gerissen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Immer tiefer wird der Betrachter hineingezogen in die emotionale Welt Dae-sus, der scheinbar aller Modulierungsfähigeit seiner Gefühle verlustig gegangen ist. Extreme Wut, extreme Verzweiflung, extreme Angst, extreme Liebe und extremer Schmerz prallen in harten Schnitten aufeinander und übertragen sich in einer kaum steigerbaren Intensität auf den Kinobesucher. Und genau das ist es, wofür wir das asiatische Kino und vor allem die Filme von Takeshi Kitano, Wong Kar-wai und Takeshi Miike lieben: Das Ausloten emotionaler und ästhetischer Extreme.

Filme wie Oldboy sind es, die den Betrachter an den Schultern zu packen scheinen und ihn kräftig wachrütteln, die wie eine Sturmflut über seine Wahrnehmungsgewohnheiten hereinbrechen und alle Verkrustungen wegspülen, die sich in jahrelangem Konsum westlichen Kinos dort gebildet haben. Die wahre Faszination dieses Vorgangs offenbart sich aber in der Tatsache, das dies auf höchst unterhaltsame Weise geschieht – weit ab von den verquasten Kopfgeburten vieler westlicher »Filmkünstler«, die mit ihrem hoch subventionierten Innovationsanspruch hart gesottene Festivalbesucher foltern. Oldboy ist das genaue Gegenteil davon. In praktisch jeder Einstellung des Films steckt etwas Überraschendes, in jedem Dialog ein Plot-Twist und in jedem Charakter ein faszinierendes Geheimnis. Genug Material, um auch Tage später noch darüber nachzusinnen und das emotionale Chaos im Kopf zu ordnen. 1970-01-01 01:00

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