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Oh, wie schön ist Panama

D 2006. R: Martin Otevrel. B: Guido Schmelich. M: Annette Focks. P: Papa Löwe Filmproduktion.
99 Min. Warner ab 21.9.06

Du bist Panama

Von Ekaterina Vassilieva Es ist kaum mehr nachvollziehbar, daß das 1978 erschienene Kinderbuch »Oh, wie schön ist Panama« seinerzeit als ein »Beitrag zur antiautoritären Erziehung« aufgefaßt wurde. Der Hang zur Anarchie und Rebellion, den der Schöpfer Janosch seinen Figuren nach eigenen Angaben in die Wiege legte, besitzt für den Zuschauer von heute einen eher musealen denn subversiven Wert. Das Anarchische hat sich in der Kinderkultur längst fest etabliert und durch seine kommerzielle Ausbeutung in den diversen Zeichentrickserien sogar im gewissen Sinne diskreditiert. Aber gerade in diesem Kontext der Übersättigung mit Bildern, die die Rebellion nur oberflächlich simulieren, entfaltet die Geschichte vom Tiger und dem Bären ihren nostalgischen Reiz gerade dadurch, daß sie ihr antiautoritäres Projekt nicht mit absurdem Slapstikfeuerwerk auf die Spitze treibt, sondern durch ihr ruhiges Erzähltempo dem kleinen Zuschauer auch Zeit zum Nachdenken läßt.

Schon die Eröffnungssequenz, in der das Heimatland der zwei Tierfreunde in bunten Panoramaeinstellungen vorgestellt wird, verrät, daß es hier eigentlich nicht um die Schönheit von Panama gehen wird. Denn noch schöner als die (durchaus mitteleuropäische) Landschaft, in der das Häschen vom Tiger und Bären steht, kann es nicht sein: Eine ästhetische Steigerung wäre im Rahmen der gewählten Filmsprache visuell einfach nicht realisierbar. Und die Freunde wissen ihr Glück, in so einer schönen Welt zu leben, auch zu schätzen: All die kleinen Freuden des Alltags – sei es leckeres Mittagessen aus dem selbstangebauten Gemüse oder ein Nachtschlaf im kleinen Boot direkt auf dem sanften Fluß – werden voll ausgekostet. Nichts trübt die Idylle: Sogar seinen Jagdtrieb versteht der Tiger auf eine »friedliche« Weise auszuleben, indem er den Pilzen im Wald »nachjagt«. Das harmonische Gleichgewicht gerät jedoch etwas aus den Fugen, als der Fluß eine leere Bananenkiste mit der Aufschrift »Panama« ans Ufer spült. Dieser eher wertlose und unansehnliche Gegenstand, der im Kontext der umgebenden Natur nichts als ein Stück Müll ist, bekommt für die Freunde plötzlich einen extremen symbolischen Wert und läßt all ihre Sehnsüchte nach dem Fremden und Unbekannten erwachen. Sie wollen etwas sehen und erleben, was sie außerhalb ihrer eigenen Welt vermuten. Daß es da in Panama viel schöner sein wird als zu Hause, steht für sie zunächst außer Frage…

Natürlich muß nach langen Abenteuern schließlich die Erfahrung gemacht werden, daß Panama zwar tatsächlich nicht übel ist, aber kein Paradies, in dem man es ewig aushält. Die Fernweh wird von der Heimweh verdrängt, und, wieder zu Hause angekommen, können die Tiere ihre Freude kaum beschreiben. Wie nach einem Urlaub, genießt man die eigenen vier Wände um so intensiver. Die Frage ist dabei, ob die unternommene Reise nur als ein Teil des Reifungsprozesses anzusehen ist oder ob die Berührung mit dem Anderen vielmehr auch einen Wert an sich besitzt? Besteht der Erkenntnisgewinn in der Einsicht, daß es »da drüben« eigentlich nichts zu suchen gibt, oder soll das Abenteuer immer wieder gewagt werden? Darüber ließe sich vermutlich am Ende sehr gut mit den Kindern diskutieren, zumal der Film keine eindeutige Moral aufzwingt.

Die Kinder dürfen sich aber natürlich nicht nur auf das anschließende Gespräch mit den Eltern freuen, sondern auch den bunten Bilderreigen genießen und mitfiebern, wenn die Figuren sich in die bisweilen gefährlichen Situationen begeben, die sie aber stets mit einer guten Portion Lebensfreude und Humor meistern. 1970-01-01 01:00
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