— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Offside

IR 2006. R,B,S: Jafar Panahi. B: Shadmehr Rastin. K: Mahmood Kalari. P: Jafar Panahi Film Productions. D: Sima Mobarak Shahi, Safar Samandar, Shayesteh Irani, M. Kheyrabadi, Ida Sadeghi, Golnaz Farmani, Mahnaz Zabihi, Nazanin Sedighzadeh u.a.
88 Min. Movienet ab 29.6.06

Ist hier etwa Weibsvolk anwesend?

Von Carsten Happe Fußball allerorten und in allen gesellschaftlichen Bereichen. Der WM-Overkill infiltriert selbst das Kino und schaufelt alle paar Wochen einen Film zum Medienereignis des Jahres in die Filmtheater. Viele davon sind schlicht und ergreifend Stinker, harmlose Komödchen über den Geschlechterkampf aus der Mottenkiste oder unangenehme Aufstiegsstories aus der Heldenretorte. Fußball – und Sport im Allgemeinen – eignet sich nur bedingt zum Filmthema, die finale Zuspitzung auf Sieg oder Niederlage vernachlässigt alle Grautöne, die das Leben und seine Darstellung so spannend machen können.

Fußballfilme haben nur dann eine Chance, wenn sie sich auf die Menschen konzentrieren, denen das Spiel mehr als punktuelle Siege und Niederlagen oder hochdotierte Kontrakte bedeutet – auf die Fans, die das Schicksal ihres Vereins auf sich nehmen, die für ihre Mannschaft die größten Hürden bewältigen und das Leid mit ihnen teilen. Wie Nick Hornbys ewiger Arsenal-Fan in »Fever Pitch« oder das namenlose Mädchen im iranischen Beitrag Offside, das unbemerkt und notdürftig maskiert versucht, beim entscheidenden – und echten (!) – WM-Qualifikationsspiel gegen Japan live dabei zu sein, obwohl das Regime Frauen im Stadion nicht duldet.

Das Mädchen schafft es zumindest bis an den Rand des Stadioninneren – gemeinsam mit anderen weiblichen Fans in einen abgesperrten Bereich eingepfercht und ohne direkte Sicht auf das Spielfeld. Die überforderten Polizeikräfte wissen weder mit der Situation noch mit dem Spiel etwas anzufangen, und das Machtgefälle zwischen Gefangenen und Wärtern wechselt ständig – wenn man überhaupt von dieser Rollenverteilung sprechen kann. Schließlich reklamieren die Fußballadies ihr Freiheitsdenken auf überzeugende Weise, während die verunsicherten Wächter als Marionetten eines totalitären Regimes Befehle ausführen, die sie nicht einmal selber nachvollziehen können.

Das Groteske dieser Situation nutzt Regisseur Jafar Panahi zu einem klugen, stets unterhaltsamen Kommentar zum Status Quo der Frauenrechte im gegenwärtigen Iran, zur Ohnmacht eines ewiggestrigen Patriarchats wie auch zur unbedingten Fußballbegeisterung des iranischen Volkes. Eingebettet in die reale Umgebung des echten Spiels, erzeugt Offside den unverfälschten Eindruck eines Blicks in eine fremde und doch so greifbare Welt, so daß die offensichtliche Willkür der Repressionen um so direkter berühren.

Fast müßig zu erwähnen, daß der mutige Offside wie alle bisherigen Filme von Jafar Panahi keinen Verleih in seinem Heimatland findet. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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