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Offset

D 2005. R,B: Didi Danquart. B: Cristi Puiu, Razvan Radulescu. K: Johann Feindt. S: Nico Hain. M: Klaus Buhlert. P: noirfilm. D: Alexandra Maria Lara, Felix Klare, Razvan Vasilescu, Katharina Thalbach u.a.
109 Min. 3L ab 2.11.06

Leben im Widerspruch

Von Patrick Hilpisch Offset ist ein Film, der Ambivalenz aus allen Poren verströmt. Er entzieht sich in seiner Mischung aus Liebesdrama, Culture-Clash-Komödie und Gangsterfilm-Versatzstücken nicht nur jeglicher Genrezuordnung, sondern pflegt auch in punkto Charakterzeichnung und vermittelter Botschaft beharrliche Zwiespältigkeit. Diese frappanten Unentschiedenheiten sind jedoch keineswegs einem unausgegorenen Drehbuch geschuldet, sondern sie haben System.

Regisseur Didi Danquart etabliert im Laufe des Films eine fatale Dreiecksbeziehung, die die Grenzen von nationaler Identität, sozialem Status und Pflichtbewußtsein auslotet: Der deutsche Druck-Ingenieur Stefan lernt während eines Jobs in einer Bukarester Druckerei die Sekretärin Brindusa kennen und lieben. Das Datum für die Heirat steht bereits fest. Brindusas alternder Chef und ehemaliger Geliebter, der verheiratete Nicu Iorga, will jedoch nicht akzeptieren, daß die Affäre mit seiner Sekretärin beendet ist. Dementsprechend ruppig und intrigant begegnet er dem jungen Deutschen. Doch auch Brindusa scheinen noch Zweifel am eingeschlagenen Liebesweg zu quälen.

Diese Grundkonstellation, die aus ihr folgenden Verwicklungen und Reibungsflächen, nutzt Danquart zur Beleuchtung überkommener Klischees und Ressentiments. Liebe, Nationalität, Geschlechter- und Machtverhältnisse sowie individuelle Reaktionsmuster werden einer eingehenden Prüfung unterzogen. Dies erfolgt zum einen im Mikrokosmos der Beziehung Stefan-Brindusa-Iorga und zum anderen im Makrokosmos internationaler Geschäftsbeziehungen. Der Film arbeitet dabei vor allem auf der Ebene der interkulturellen Begegnung durchaus bewußt mit Stereotypen. Diese werden allerdings in einer solch überspitzten Art und Weise »angeboten« oder durch den jeweiligen situativen Kontext im Film so geschickt konterkariert, daß sich deren Aussagegehalte geradezu nivellieren.

Danquart changiert in Offset gekonnt zwischen grober »Vorurteilskelle« und subtiler Milieustudie. Er beschreibt ein ungeschöntes und realitätsnahes Beziehungsgeflecht, das sich wie im wahren Leben oft unberechenbar und bar jeglicher Logik bewegt. In nahezu allen Figuren des Films macht der Regisseur klar, daß es zu jedem Schwarz auch ein Weiß und vice versa gibt, daß jedes noch so klischeehafte Verhalten einer Person, das eine (vor-)schnelle Charakterisierung nahezu aufdrängt, relativiert werden kann durch unvorhergesehene Taten oder Reaktionen. Auch wenn bei den Nebenfiguren wie etwa Stefans Familie oder Brindusas Vater das Maß an Relativierung kleiner ausfällt, so verleihen ihnen liebevoll gesetzte Schrullen und Nettigkeiten charakterliche Tiefe. Die ambivalenten Eigenschaften geben den Figuren ein authentisches Angesicht, das sie vom konfektionierten Charakter-Pool Hollywoods wohltuend abhebt.

Auch die filminterne Kommunikation nimmt ambivalente Züge an. Die sprachlichen Barrieren verkomplizieren die Beziehungen der Figuren untereinander, führen zu Mißverständnissen. Brindusa nimmt in diesem Zusammenhang als Übersetzerin eine besondere Rolle ein. So fungiert sie etwa immer wieder als Puffer zwischen den harten und zynischen Worten ihres kontrollversessenen Chefs und seinen fremdsprachigen »Opfern«. Doch die manipulative Macht, die ihr in dieser Funktion zuteil wird, verbraucht sich schnell, denn der offensichtlichen Diskrepanz zwischen verbaler und non-verbaler Kommunikation kann sie nicht erfolgreich begegnen. Dies führt zu unbehaglichen Situationen, denen ungeschönt Raum zur Entfaltung gegeben wird – ebenso wie im wirklichen Leben.

Im Film werden die Zweifel und Zwiespälte der Charaktere ohnehin am eindringlichsten über die Bildebene inszeniert. Da sprechen Großaufnahme und routinierte Kadrierung für sich. Wo die Kommunikation auf der Tonebene versagt, übernimmt die Bildebene das Sprechen. Didi Danquart hat mit Offset einen mutigen Film geschaffen, der den Zuschauer nach 109 Minuten mit widerstreitenden Gefühlen zurückläßt. Er fängt die Widersprüchlichkeiten und Absurditäten, die Liebe und Geschäft bereithalten, ein, ohne auf eine hollywoodtypische Auflösung aller Konflikte zurückzugreifen. In diesem Sinne war Kino nie näher am Leben. 1970-01-01 01:00

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