Öffne meine Augen

Te doy mis ojos. E 2003. R,B: Icíar Bollaín. B: Carles Gusi. M: Alberto Iglesias. S: Àngel Hernández Zoido. P: Alta, La Iguana. D: Laia Marull, Luis Tosar, Candela Pena u.a.
107 Min. Timebandits ab 4.8.05

Gefangen

Von Maike Damm Gewalt in der Ehe – auf den ersten Blick ein Kampf, der schon oft auf der Kinoleinwand ausgetragen wurde. Mit Öffne meine Augen gelingt es der Regisseurin Icíar Bollaín allerdings, diese Thematik fernab von gewohnten Szenen zu präsentieren, in denen stark alkoholisierte Männer alle Ehefrauen kurz und klein schlagen, die ihnen gerade über den Weg laufen. Vielmehr konzentriert sie sich darauf, die Aggressivität des Hünen Antonio nicht über dessen Muskelkraft zu vermitteln, sondern indirekt über die panische Angst, die in Mimik, Gestik und Verhalten seiner Ehefrau Pilar zum Ausdruck kommt: zitternde Lippen, wimmernde Töne, schwache Hände, die sie sich schützend vors Gesicht zu halten versucht. Mit ihrer Angst weicht jede Schönheit; ein Film von Häßlichkeit legt sich in diesen Szenen über ihr Gesicht.

Von dieser Angst getrieben versucht Pilar immer wieder, aus der patriarchalischen Familienstruktur auszubrechen, flieht mit ihrem kleinen Sohn Juan in Nacht-und-Nebel-Aktionen zu ihrer Schwester Ana. Bollaín läßt ihre Hauptfigur bei diesen überstürzten Fluchtversuchen stets Hausschuhe tragen und lenkt so geschickt das Augenmerk des Zuschauers auf die Identifikationsproblematik, mit der Pilar zu kämpfen hat: Sie ist gefangen im Hause ihres Mannes, in ihrer Rolle als treusorgende, sich aufopfernde Ehefrau – trotz aller Brutalitäten und Erniedrigungen, die mit diesem Ort und dieser Rolle verbunden sind. Sie will gleichzeitig fliehen, eine eigene Persönlichkeit finden, aber auch bleiben, sich in ihrer Rolle als Ehefrau verstecken.

Die psychische Abhängigkeit von ihrem Ehemann äußert sich in ihrer unbegrenzten Hingabe, die in einer Bettszene gipfelt, die unter »harmonischen Umständen« geradezu rührend wäre, in diesem Fall dem Zuschauer aber einen kalten Schauer über den Rücken jagt: Pilar »schenkt« ihrem Mann nach einer Versöhnung jedes einzelne ihrer Körperteile, reicht ihm ihren Körper als Opfergabe für seine Liebe. Mit diesem Spiel begibt sie sich abermals in seinen Besitz, befriedigt seinen Kontrollzwang und Anspruch an ihrer Person.

Um nun aber nicht in ein klischeehaftes »Gut-Böse«- oder »Opfer-Täter«-Denken zu verfallen, bietet Bollaín dem Zuschauer zwei weitere Sichtweisen auf Antonio. Einmal gibt es da die des Sohnes Juan, durch dessen große braune Kulleraugen der Zuschauer die Beziehung der Eltern beobachten und so auch in Antonio ein Fünkchen Lauwarmherzigkeit und ansatzweise »Gutes« entdecken kann. Zum anderen fungiert ein Psychologe als Vermittler zwischen Antonio und Zuschauer, indem er in mehreren Sitzungen Antonios Persönlichkeitsstruktur, seine Ängste und Komplexe und das damit verbundene Gewaltpotential, das in ihm steckt, analysiert und erklärt. Er erkennt, daß auch Antonio in gewisser Weise »Opfer« ist – Opfer seiner selbst.

Die aggressive Grundstimmung, die Bollaín während des gesamten Films aufrechterhält und den Zuschauer im Kinosessel leiden läßt, wird in kurzen Passagen durch Pilars Schwester Ana und ihren schottischen Bräutigam aufgelockert, die voller Eifer eine romantische Hochzeit planen. Dann heißt es für den Zuschauer: Entspannen und Luft holen, denn gleich geht's weiter im Ehekrieg!

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