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Ocean's Twelve

USA 2004. R: Steven Soderbergh. B: George Nolfi. K: Peter Andrews. S: Stephen Mirrione. M: David Holmes. P: Section Eight, Warner Bros. u.a. D: George Clooney, Brad Pitt, Julia Roberts, Catherine Zeta-Jones u.a.
125 Min. Warner ab 16.12.04

Cool and the Gang

Von Daniel Bickermann Takeshi Kitano wurde einmal gefragt, worin das Geheimnis wahrer Coolness besteht (wer konnte es wissen, wenn nicht er?). Der Meister antwortete, ohne zu zögern: »Mach zuerst das Coolste, was du dir vorstellen kannst. Dann, direkt danach, mach das Uncoolste, was du dir vorstellen kannst. Durch diese Abfolge erreichst du wahre Coolness.«

Steven Soderbergh hatte sich im Jahr 2001 mit seinem stargespickten Caper Movie Ocean's Eleven genau diese Weisheit auf die Fahnen geschrieben. Er ließ superlässige Hollywoodgrößen lockere Sprüche klopfen, kleidete sie aber gleichzeitig in oberpeinliche Zuhälterhemden. Er ließ Brad Pitt erst smart mit einer Stripperin flirten und ihn dann, noch in der gleichen Einstellung, lollilutschend in ein Auto voller bunter Luftballons hüpfen. Nachdem Millionen von Zuschauern das erwartungsgemäß wirklich cool fanden, war der Gedanke an ein Sequel von Anfang an naheliegend, vor allem, weil Soderberghs Firma Section Eight mit den folgenden, brillanten Prestigeprojekten Solaris und Confessions of a Dangerous Mind nicht gerade die Kasse klingeln ließen.

Das Erzählen der Vorgeschichte mag redundant wirken, dient in diesem Fall aber ausgezeichnet zur Werkbeschreibung. Es gibt Filme, die kann man sich genau vorstellen, wenn man eine Inhaltsangabe hört. Ocean's Twelve dagegen ist genau das, was seine Vorgeschichte verspricht: Ein Haufen intellektueller Spaßvögel braucht Geld, um Liebhaberprojekte zu finanzieren, also tun sie mal wieder so, als würden sie einen Hollywoodfilm drehen. Und doch: Von einer Sequel-Abzocke im Jerry-Bruckheimer-Sinn des Wortes könnte dieser Film nicht weiter entfernt sein. Kein Besucher wird den Kinosaal mit dem Gefühl verlassen, etwas Altbekanntes gesehen zu haben. Eher im Gegenteil.

Soderbergh war vom perfekt geölten Las-Vegas-Oberflächenschimmer des Vorgängers wohl gelangweilt, er hat aus dem Sequel einen Film gemacht, der europäischer nicht sein könnte. Nicht nur, daß die Irrfahrt über den Kontinent kaum eine malerische Metropole ausläßt und eine Reihe herrlicher Gastauftritte von Lokalgrößen wie Jeroen Krabbé oder Vincent Cassel beinhaltet, auch Soderberghs Stil ist dieses Mal auf wagemutige Weise aus den westeuropäischen Kinotraditionen zusammengeklaubt. Für Richard Lester hatte der Regisseur ja schon immer eine Schwäche, und die wildgeworden Bildbeschriftungen, Jump Cuts und Freeze Frames scheinen manchmal eine direkte Hommage an dessen Beatles-Filme. Dann wieder erinnern experimentelle Kamerawinkel und aufdringliche Bläsereinsätze an die Swinging Sixities, an das Free Cinema, an die Nouvelle vague, aber auch an Antonioni. Ja, sogar der italienische Neo-Realismus spielt hier mit, gerade in der mediterran verwaschenen, körnigen Farbgebung und der bitterernsten Handkameraarbeit. Wenn Brad Pitt und Catherine Zeta-Jones in einer Totalen durch ein italienisches Fischerdorf laufen, meint man, ihnen müßte gleich David Hemmings über den Weg laufen, oder auch ein junger Michael Caine. Vielleicht sogar Bud Spencer.

Das Drehbuch ist reichlich hanebüchen, aber selbst hier weiß man nicht, ob's nicht Absicht war. Soderbergh jedenfalls kehrt fröhlich zu seinem lange vergessenen Spaßfilm Schizopolis zurück, wo sich Menschen in Fantasielauten verständigt haben und damit endgültig bewiesen, daß es egal ist, was ein Schauspieler sagt – wichtig ist nur, was er dabei tut und wie er dabei wirkt. Auf diese Weise wird ein schreiend schwaches Drehbuch zu einem schreiend komischen Film, dank eines erstaunlichen Muts zur kompletten Albernheit, ja: zu buñueleskem Surrealismus. Wenn Schimpfworte ausgepiepst werden, wenn die Charaktere in brillant montierten Zwanzig-Sekunden-Eskapaden vorgestellt werden oder Julia Roberts mit Julie Roberts telefoniert, kommt man nicht umhin, an das stilistisch unterschätzte Full Frontal zu denken, aber auch an Buñuels Das Gespenst der Freiheit oder an Ozons 8 Frauen, eine ebenso inspirierte Inszenierung eines horrenden Drehbuchs.

Das Zitatefinden könnte noch weitergehen und eine Analyse noch in erstaunliche Tiefen vorstoßen. An dieser Stelle aber sollte es man bei der Empfehlung belassen, diesen Film dringend zu sehen. Es sind anstrengende, atemlose zwei Stunden, egal, ob man als kundiger Filmfreund nach den zahlreichen Stilbrüchen sucht oder als Unterhaltungsgast der geradezu kubistisch verwinkelten Geschichte folgen will. In beiden Fällen jedoch wird die Mühe mit vielen kleinen Edelsteinen belohnt, die man auf dem Weg aufklaubt, mit erstaunlichen Einfällen und bislang nie gesehenen Ironiebrüchen. Und die beste Nachricht zum Schluß: Nachdem das US-Publikum den Film schon jetzt zu einem der größten Erfolge des Jahres gemacht hat, scheint auch die Finanzierung für weitere, sicherlich nicht minder absurde Projekte von Soderbergh und Konsorten gewährleistet. Mit etwas Glück werden die dann wieder das Uncoolste, was man sich vorstellen kann. 1970-01-01 01:00
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