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Ocean's Eleven

USA 2001. R,K: Steven Soderbergh. B: Ted Griffin. S: Stephen Mirrione. M: David Holmes. P: Jerry Weintraub, Section Eight. D: George Clooney, Brad Pitt, Julia Roberts, Andy Garcia, Matt Damon, Elliot Gould, Carl Reiner u.a.
116 Min. Warner ab 10.1.02

Moderne Nostalgie

Von Thomas Warnecke Es sind im Kino die unangenehmsten Nachbarn, welche einem allenthalben ironisch zuzuflüstern glauben müssen: »Ha, wahrscheinlich!«, wenn ihnen auf der Leinwand Gezeigtes mit real Möglichem unvereinbar scheint. Sie hätten bei einer Aufführung von Frankie und seine Spießgesellen von 1960, im Original: Ocean's Eleven, häufig Anlaß zu flüstern: Lewis Milestones Film ist eine ziemliche Flickschusterei, und die saubere Ausführung des Casinoüberfalls ist mehr angedeutet als überzeugend dargeboten.

Jenen Nörglern würde die coole Aura der Besetzung um Sinatra, Davis jr. und Martin selbstredend völlig entgehen, doch das Argument, das sie in alle Ewigkeit zum Schweigen bringen möge, ist dieses: Sie verwechseln Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit. Und Wahrscheinlichkeit, die uns im Kino, in der Kunst überhaupt, auch in Wirklichkeit Unwahrscheinliches glauben läßt, ist spätestens seit Lessing und Diderot das Kriterium, das es hier zugrunde zu legen gilt. Und insofern ist Steven Soderberghs Neuversion des Casinoraubs ein Meisterwerk.

Eine im besten Sinne temporeiche Montage, also kein clipartiges Bildgewitter, aber mit ausreichend Geschwindigkeit, um uns zwischen den einzelnen Einstellungen nicht am Gezeigten zweifeln zu lassen. Doch Soderbergh, weniger der Dokumentarist aus Erin Brockovich als vielmehr der manische Bildersucher aus The Limey, baut natürlich noch einen doppelten Boden ein: Die entscheidenden Bilder der Entnahme des Geldes aus dem Tresor sind nicht nur nur als Videoaufnahme, als Film-im-Film zu sehen, diese Aufnahmen sind – im Film – auch noch gefälscht.

Der Überfall also ist in jeder Hinsicht gelungen. Wie aber steht es mit dem Anfang der Geschichte, der Aufstellung jener Elf und ihrer Vorbereitung auf das große Spiel? Immerhin hatte sich der Originalfilm eine Stunde Zeit genommen, bevor Sammy Davis jr. mit seinem Müllwagen und dem Rest vom Rat Pack in Las Vegas ankam. So viel Zeit braucht das Remake nicht und übertrifft das Original in der Einführung der Handelnden trotzdem.

Steven Soderbergh und Drehbuchautor Ted Griffin haben sich für jeden der Elf einen Ort und eine Episode ausgedacht, die die jeweilige Figur vorstellt und gleichzeitig ihre Aufgabe im Gesamtplan: besonders witzig das Geschwisterpaar Virgil und Turk Malloy alias Casey Affleck und Scott Caan. Sie streiten sich die ganze Zeit, und der eine fährt mit seinem Pickup dem anderen das Fernsteuerungsauto zu Brei – kein großer Unterschied zu dem, was sie später beim Überfall zu tun haben.

Soderbergh, Griffin und der versammelten Starriege ging es, trotz oder gerade wegen ebendieser Starriege, nicht um ein Rat-Pack-Revival, wie es musikalisch gerade einer der talentiertesten Entertainer unserer Zeit und vor drei Jahren Rob Cohen mit Frank, Dean und Sammy tun es (The Rat Pack; deutsche Erstaufführung auf tm3!) fürs TV versucht haben. Clooney ist ohne Frage cool, Brad Pitt geht auch durch, und Don Cheadle hat bei Cohen als Sammy Davis jr. Erfahrung gemacht. Julia Roberts ist nicht unbedingt eine Gangsterbraut wie Angie Dickinson (die in einer Szene sich selbst spielt), sieht aber wieder einmal sehr attraktiv und auch glaubwürdig aus. Spätestens Matt Damon aber würde man Trinkgelage und Mafiakontakte im Privatleben kaum attestieren wollen.

Den Revivalcharakter oder das, was Fritz Göttler in der »Süddeutschen« als Nouvelle Vague bezeichnet hat, erhält der Film vielmehr dadurch, daß er nicht mehr will, als handwerklich vollendetes Genrekino zu bieten, altmodisch vielleicht im Anspruch, aber visuell auf der Höhe der Zeit. Wären es zwölf Jungs gewesen und statt Las Vegas hätte der Schauplatz »Gefangenenlager Vietnam/Irak/ Afghanistan…« geheißen, wäre es ein Remake von Das dreckige Dutzend geworden. Wie auch immer oder auch wie gehabt: Soderbergh macht großes Kino, und die Großen des Kinos machen mit. 1970-01-01 01:00

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