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Der Obrist und die Tänzerin

The Dancer Upstairs. E/USA 2001. R: John Malkovich. B: Nicholas Shakespeare. K: José Luis Alcaine. S: Mario Battistel. M: Alberto Iglesias. P: Lolafilm, Mr. Mudd, Via Digital u.a. D: Javier Bardem, Juan Diego Botto, Laura Morante, Elvira Minguéz u.a.
133 Min. Solo Film ab 16.1.03

Prêt-a-Danser

Von Jutta Klocke Die Dunkelheit zu Beginn wird durchschnitten von den Scheinwerfern eines Autos, das unter melancholischem Gesang aus dem Radio eine menschenleere Landschaft durchquert. Ein Polizist, der den Weg versperrt, wird ohne Zögern überfahren. Bei Tageslicht wird der Wagen an einer Kontrollstation gestoppt, Papiere werden überprüft. Der Grenzbeamte Rejas fertigt während eines kurzen Gesprächs ein Foto von einem der Fremden an.

Mit beendeter Kontrolle dann der Schnitt: Nach der traumartigen Fahrt durch die Nacht wird unser Blick von dem Pickup abgelenkt und auf Rejas gerichtet. Fünf Jahre liegen zwischen der Eingangssequenz und der eigentlichen Handlung. Der Grenzbeamte ist jetzt Lieutenant und Leiter einer Spezialeinheit, die einen unbekannten politischen Aufrührer aufspüren soll. Als Adaption einer Romanvorlage von Nicholas Shakespeare geht Der Obrist und die Tänzerin von der Verfolgung des peruanischen Guerilla-Führers Abimael Guzmán aus. John Malkovich verzichtet in seinem Spielfilmregiedebüt aber auf die Konkretisierung des realen Kontextes und verlegt die Handlung in ein namenloses südamerikanisches Land.

Das Geheimnisvolle des Anfangs geht mit dem Perspektivwechsel weitgehend verloren. In den Vordergrund treten stattdessen Szenen, die den Schrecken des wachsenden Terrors im Land transportieren. Malkovich führt die schockierenden Methoden der Untergrundorganisation zwar aufs Deutlichste vor Augen, sein Kameramann Alcaine findet dafür aber angenehm unspektakuläre Bilder, die auf jegliche Effekthascherei verzichten. Rejas, aus dessen Blickwinkel die Folgen der Anschläge meist gezeigt werden, wird zum Bindeglied zwischen der Schilderung der politischen Situation und der Ermittlungshandlung. Schade nur, daß letzterer Erzählstrang dominiert. Zu sehr bleibt er an den Genrevorgaben des amerikanischen Polizeifilms haften. Die Figurenkonstellation des lakonischen Alten und seines hitzköpfigen jungen Partners mitsamt der entsprechenden Dialogmuster wirkt in der staubigen Fremde Südamerikas, jenseits der Straßen von San Francisco oder New York, ziemlich aufgesetzt.

Durch seine investigative Position und nicht zuletzt durch das angeblich dazugehörige Verhalten droht der Protagonist allzu distanziert zu bleiben. Javier Bardem weiß dem aber ein emotional involviertes Spiel entgegenzusetzen. Routiniert bringt er die ihm auferlegten und hier eher überflüssigen Sätze eines US-Kino-Cops hinter sich. Gleichzeitig verleiht er Rejas dank seiner unaufdringlichen Körpersprache eine tiefere Dimension und bewahrt diesen so davor, bloßer Stereotyp zu sein. Durch die zaghafte Affäre mit der Ballettlehrerin von Rejas' Tochter kommt Bardem eine inhaltliche Ebene zu Hilfe, den Charakter seiner Figur auszudifferenzieren. Hier wird die Angst des Helden vor der unsicheren Zukunft, die ihn und sein Land bedroht, am deutlichsten greifbar.

Mit dem realen politischen Hintergrund, der eigentlichen Handlung um die Jagd auf den Guerilla-Führer und der in sie eingebundenen Liebesgeschichte verknüpft Malkovich gleich drei Aspekte, die jeder für sich genommen schon genügend Stoff für einen Film geboten hätten. Vereinfacht wird ihm sein ambitioniertes Unterfangen nicht gerade dadurch, daß alle drei Elemente unterschiedlichen Genres angehören. Und obwohl man sich viel Zeit genommen hat, erliegt der Film mitunter der Gefahr, an der Oberfläche der jeweiligen Handlungsstränge zu verharren, anstatt sie tatsächlich zu durchdringen. Eine Enttäuschung ist Der Obrist und die Tänzerin deswegen nicht, aber eben auch nicht die Offenbarung, die man bei Malkovich hätte erwarten können. 1970-01-01 01:00

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