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Nobody Knows

Daremo shiranai. J 2004. R,B,S: Hirokazu Kore-eda. K: Yutaka Yamasaki. M: Gontiti, Tate Takako. P: TV Man Union, Bandai Visual u.a. D: Yuya Yagira, Ayu Kitaura, Hiei Kimamura, Momoko Shimizu, Hanae Kan u.a.
RapidEyeMovies ab 7.4.05

Die Mutter – ein Traum

Von Katja Spranz 1988 ging ein aufsehenerregender Fall durch die Zeitungen: Eine Mutter brannte mit ihrem Liebhaber durch und ließ ihre vier von verschiedenen Vätern stammenden Kinder in einem kleinen Appartement zurück. Sechs Monate schlugen sie sich allein durch. Doch der auf diesem Ereignis basierende Film Nobody Knows ist nicht streng dokumentarisch. Kein sozialkritisches Statement über die Gleichgültigkeit der Nachbarn und die der heutigen Gesellschaft, wie in Aelrun Goettes Die Kinder sind tot. Vielmehr geschieht hier alles aus der Sicht der Kinder.

Als die Mutter Keiko die Familie noch nicht verlassen hat, ist sie eigentlich schon nicht mehr da. Sie kommt spät abends nach der Arbeit und diversen Verabredungen mit Männern nach Hause. Sie tritt nur gelegentlich in Erscheinung, wie ein Wirklichkeit gewordener Traum ihrer Kinder. Noch bevor diese einen Weg zu ihr finden, ist Keiko schon wieder verschwunden. Ihr ältester Sohn, der 12jährige Akira (Yuya Yagira, der in Cannes als »Bester Darsteller« ausgezeichnet wurde), übernimmt Vater- und Mutterrolle.

Keiko hat bei den Vermietern nur den ältesten Sohn angegeben, da sie jeden Konflikt vermeiden will. Sie hat vier Kinder von vier verschiedenen Vätern. Bevor sie dafür Rechenschaft ablegen muß, leugnet sie lieber deren Existenz. Nur Akira darf den Balkon betreten und die Wohnung verlassen. Die anderen Kinder müssen in der Wohnung bleiben und ruhig sein. Keines von ihnen hat je eine Schule besucht. Sie kennen die Außenwelt kaum, besitzen noch nicht einmal richtige Schuhe.

Dann geht die Mutter. Sie hinterläßt eine Nachricht an ihren Ältesten: Er soll sich um seine Geschwister kümmern. Sie wird noch einmal auftauchen. Und dann für immer gehen: ein ungreifbares Wesen, eigentlich selbst noch ein Kind. Es ist keine Bosheit in ihr: Sie ist einfach nur gedankenlos, nicht von dieser Welt und möchte Konflikte vermeiden. So überläßt sie die Kinder sich selbst.

Bald ändern sich die Dinge in dieser abgeschiedenen Miniaturwelt. Bei seinen Ausgängen schließt Akira Freundschaften und vernachlässigt seine Familie. Das Kinderuniversum muß sich öffnen. Vor allem, als die Zahlungen der Mutter ausbleiben. Keiko verschwindet langsam aus dem Leben ihrer Söhne und Töchter: erst ihr Körper, dann ihre Regeln, dann ihre Zahlungen. Dann verschwindet sie auch aus deren Bewußtsein. Das Leben geht auch ohne Eltern weiter, die nie wirkliche Beschützer waren. Die Hoffnung auf eine Rückkehr entschwindet langsam, doch die Hoffnung auf Glück bleibt, nur daß dieses andere Gestalt annimmt.

Der Älteste will den Geschwistern Freude bereiten. Er besorgt Straßenschuhe, und alle genießen die neue Freiheit. Strom und Wasser wurden abgestellt, weswegen Ausflüge in die Welt draußen notwendig werden. Die neue Freiheit gibt allen Kindern neue Impulse und Frohsinn. Bis eine Tragödie über die kleine Familie hereinbricht. Wie die Jahreszeiten, die die Handlung in Kapitel aufteilen, nimmt auch die menschliche Existenz ihren Lauf. Die Trauer bleibt als Teil des Menschseins und des Erwachsenwerdens.

Die Kulisse der japanischen Großstadt wirkt exotisch, doch gleichzeitig sind die Gefühlswelten der jungen Protagonisten für jeden verständlich. Alles anders und doch alles gleich, trotz Kultur- und Altersunterschiede. Es geht um Freundschaft, Verlust, Hoffnung und Tod. Motive, die jedes Dasein bestimmen. 1970-01-01 01:00
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