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Nirgendwo in Afrika

D 2001. R,B: Caroline Link. K: Gernot Roll. S: Patricia Rommel. M: Niki Reiser. P: MTM. D: Juliane Köhler, Merab Ninidze, Lea Kurka, Karoline Eckertz, Matthias Habich, Sidede Onyulo, David Michaels, Steve Weston u.a.
141 Min. Constantin ab 27.12.01

Afrika in Überlänge

Von Norbert Parzinger Diesseits von Afrika? Jenseits von Afrika? Ich träumte von Afrika? Nirgendwo in Afrika. Es besteht Verwechslungsgefahr, die Regisseurin möge entschuldigen; sie kann auch nichts dafür, das Buch hieß schon so.

Caroline Link hat – pünktlich zu Weihnachten – die bestsellenden Erinnerungen der Stefanie Zweig verfilmt. In Stichworten: Eine jüdische Familie – Vater, Mutter, Tochter – flieht 1938 im letzten Moment aus Deutschland. Eine neue Existenz als Farmverwalter in Kenia aufzubauen ist schwieriger als geplant; alle möglichen Hindernisse türmen sich auf, Mann und Frau leben sich auseinander, währenddessen wird in Deutschland die Verwandtschaft umgebracht. Doch eines Tages ist auch der Krieg zu Ende; schweren Herzens reißt sich die Familie von dem Land los, das sie trotz aller Widrigkeiten liebgewonnen hat, und geht in Deutschland ihre Pflicht tun. So weit, so gut, nur wie setzt man dieses Stückchen Weltgeschichte angemessen in Bilder um?

Monumental auf jeden Fall, nur zur Sicherheit. Da rasen die Hubschrauber über die Steppe, da kreisen die Steadycams, da sausen die Kräne hernieder, da wummern die Trommeln der Massai aus den Surroundsoundsystemen; schöne Bilder von der grandiosen Kulisse Kenias entstehen so auf jeden Fall, die sich vor den eingangs genannten Genrenachbarn keineswegs verstecken müssen. Es passiert auch jede Menge: erst liegt der deutsche Flüchtling im Clinch mit seinem kolonialenglischen Großgrundbesitzer-Arbeitgeber, dann trocknen die Brunnen aus, dann werden alle Deutschen interniert (komfortabel immerhin), dann muß wieder eine neue Farm aufgebaut werden, dann kommen die Heuschrecken; zwischendrin eine dahinbröckelnde Ehe und ein unschuldiges Kind, und im Hintergrund nebenbei Weltkrieg und Holocaust. Große Gefühle! Ein Epos! Nach einer wahren Begebenheit! In Farbe und in Stereo.

Fast zweieinhalb Stunden geht das so und liefert denjenigen reichlich Munition, die der Meinung sind, ein Film brauche schon einen besonders guten Grund, um länger als 100 Minuten zu dauern. Denn unterhaltsam oder gar mitreißend wird die Geschichte durch den ganzen Aufwand nicht. Die teure Technik läuft ins Leere, während das Drehbuch brav im Viertelstundentakt Versatzstücke aneinanderreiht, ohne sie weiter zu vertiefen; einzelne Brösel einer langen Geschichte, die mit klebrigen Klischees verkittet sind.

Daß der Film trotzdem durchgehend auf der richtigen Seite der Erträglichkeitsgrenze bleibt, hat er seinen Charakteren zu verdanken. Der Geistesarbeiter in der Wildnis, die Städterin auf dem Bauernhof, der einsame Aussteigerwolf, der edle Wilde – auch das kennt man alles schon tausendfach; doch Caroline Link hat sich die Mühe gemacht, diesen Personnagen einmal etwas genauer zuzuschauen. Sie läßt ihren Darstellern den Raum (und eben auch die Zeit), den sie brauchen, um ihre Figuren vielschichtiger, differenzierter, lebensnäher zu zeichnen, als man es sonst gewöhnt ist – und die Darsteller nutzen ihn.

Die Wandlung vom Brechmittel zum Sympathieträger zu spielen, haben viele versucht, aber Juliane Köhler schafft es; Matthias Habich gibt seiner verbrauchten Rolle eine unverhoffte dritte Dimension, indem er ganz leise, ganz zurückhaltend agiert; das doppelte Töchterchen schließlich – Lea Kurka/Karoline Eckertz – nimmt ganz mühelos die Hauptrolle mit. Einzig Merab Ninidze, passend synchronisiert von Herbert Knaup, fehlt es in diesem Ensemble ein bißchen an Gewicht.

Nur können sie alle nicht viel ausrichten gegen das, was der Film um sie herum verpaßt. Große Gefühle vielleicht, manchmal, wenn man genau aufpaßt (was schwerfällt); aber nicht groß erzählt, nur zäh und lang, und überflüssig laut.

Und den Titel kann ich mir immer noch nicht merken. 1970-01-01 01:00
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