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Nichts als die Wahrheit

D 1999. R: Roland Suso Richter. B: Johannes W. Betz. K: Martin Langer. S: Peter Adam. D: Kai Wiesinger, Götz George, Karoline Eichhorn, Doris Schade, Stephan Schwartz u.a.
Helkon ab 23.9.99
Von Oliver Baumgarten Was wäre wenn? Eine verhaßte Frage. Ihre Antworten sind spekulativ, unpräzise und einer Diskussion nicht würdig. Normalerweise. Roland Suso Richters Antwort hingegen gleicht einem Planspiel, einem makabren Selbstversuch für den Zuschauer, der sich einem Test seines Rechts- und Demokratieverständnisses unterzogen sieht und gezwungen wird, grausame Ereignisse der Nazizeit aus anderer Perspektive zu ertragen.

Stellen Sie sich vor, Josef Mengele würde noch leben, würde sich aus dem entfernten Südamerika zu Wort melden und sich der deutschen Justiz stellen. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein junger Anwalt und könnten nicht umhin, diesen Josef Mengele vor Gericht zu verteidigen, so wie ein jeder Angeklagter ein Recht darauf besitzt. Genau jenes Gedankenkonstrukt liegt Nichts als die Wahrheit zugrunde.

Peter Rohm ist hier der junge Anwalt und bietet, gespielt von Kai Wiesinger, all jene Vorzüge, die eine Identifikation in der Exposition fast selbstverständlich erscheinen lassen: Sympathie, junges Familienglück, eine gesunde Einstellung zur politischen Rechten. Der Zuschauer beginnt, Rohm zu mögen, eine Haltung, die sich bei seinen Treffen mit Mengele stetig steigert. Doch kaum formuliert Rohm, gezwungenermaßen, seine erste Verteidigungsstrategie, schnappt die dramaturgische Falle zu. Nur ungern verliert der Zuschauer, der Mengele ausgesetzt ist, mit Rohm seine Identifikationsfigur, und so ist er gezwungen, sich für eine gewisse Zeit auf die Argumente der Verteidigung einzulassen – so lange er es eben erträgt.

Richter ist ein äußerst mutiges Werk gelungen, das sich als deutscher Film auf amerikanischem Wege dem heimischen Jahrhundertgrauen nähert. Der spekulative Plot ist ausgestattet mit den Vorzügen eines »Großen Kinos« und fordert den auf Nazithemen sensibel reagierenden deutschen Zuschauer immer wieder heraus. Götz George, der auch als Coproduzent des Films fungierte, versteckt als Mengele das Unfaßbare hinter einer sehr differenziert gestalteten Opferhaltung, die jegliches Monströses verleugnet, und Kai Wiesinger überzeugt, wie er es schon in Richters 14 Tage lebenslänglich tat. Gemeinsam schufen sie den seit Jahren konstruktivsten, weil emotional provokantesten deutschen Beitrag zur eigenen Vergangenheit. 1970-01-01 01:00
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