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Nicht auflegen!

Phone Booth. USA 2002. R: Joel Schumacher. B: Larry Cohen. K: Matthew J. Libatique. S: Mark Stevens. M: Harry Gregson-Williams. P: Zucker, Netter. D: Colin Farrell, Kiefer Sutherland, Forest Whitaker, Radha Mitchell u.a.
81 Min. Fox ab 7.8.03

Schumachers Jüngstes Gericht

Von Daniel Albers Stu Shepard schwitzt, blutet und hyperventiliert, aber er bewegt sich nicht vom Fleck. Die Telefonzelle, in der er steht, ist seine ganz persönliche Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Was Stu in dieser Zelle gefangenhält, ist ein gesichtsloser, allwissender Anrufer, der verspricht, ihn zu töten, falls er auflegt. Er zwingt ihn, seiner Frau Kelly zu beichten, daß er sie seit Monaten mit einer Jüngeren betrügt. Aber das genügt ihm nicht: Stu soll dies in aller Öffentlichkeit tun, vor all den Sensationsreportern, die inzwischen angerückt sind in der Erwartung, daß er – mittlerweile selbst als Killer verdächtigt – von der Staatsgewalt unschädlich gemacht wird.

Die Telefonzelle als klaustrophobischer Ort ist spätestens seit Hitchcocks The Birds als filmisches Motiv bekannt, wurde jedoch sicher noch nie dermaßen ausgereizt wie in Nicht auflegen!. Auch das Wagnis, einen Thriller auf nur einen Handlungsort zu verlegen, wurde schon vom Meister des Suspense erfolgreich durchexerziert (Rope, Dial M for Murder). Was Schumachers Film jedoch im Speziellen auszeichnet, ist seine fast über die gesamte Spielzeit hinweg durchgehaltene Geschwindigkeit. Schnelle Schnitte, dramatisierende Kamerawinkel und multiple Split-Screens illustrieren atemlos das intelligente Psychospiel zwischen dem intensiv agierenden Colin Farrell als Opfer und Kiefer Sutherland als Anrufer. Der Beitrag des letzteren am Film ist freilich minimal, falls man nicht das Glück hat, seine fast körperhafte, selbstverliebt-sadistische Stimme in der Originalversion hören zu können.

Unweigerlich wird man in den Bann der vom Anrufer erwirkten Destruktion einer modernen amerikanischen Lebensweise gezogen, die aus Fassade und Unwahrhaftigkeit besteht. Aus einer von Drehbuchautor Larry Cohen seit 20 Jahren gehegten Idee ist ein auf ganzer Linie gelungenes Experiment geworden, das den Drahtseilakt zwischen Stil und psychologischer Tiefe spielend meistert. Das einzige, was man gegen Nicht auflegen! vorbringen könnte, ist ein vielleicht allzu deutlich erhobener moralischer Zeigefinger, ein zu ungebrochenes Hinausweisen auf eine Saulus-/Paulus-Wandlung des Protagonisten. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #31.
© 2012, Schnitt Online

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