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Niceland

ISL/GB/D/DK 2004. R: Fridrik Thór Fridriksson. B: Huldar Breidfjörd. K: Morten Sobørg. S: Sigvaldi J. Kárason, Anders Refn. M: Mugison. D: Martin Compston, Gary Lewis, Kerry Fox, Peter Cabaldi u.a.
87 Min. Alpha Medienkontor ab 7.12.06

Das Jahr der toten Katze

Von Daniel Bickermann Es ist eine drollige, entrückte Szene, als der jugendliche Rebell durch seine schottische Kleinstadt läuft, seine Bekannten und Verwandten bei ihren täglichen Beschäftigungen in der Fabrik oder beim Verkaufsgespräch unterbricht und sie nach dem Sinn des Lebens fragt. Leider aber ist das keine zusammenhangslose, federleicht schwebende Episode, sondern entpuppt sich mit einem schweren, ärgerlichen Symbolismus tatsächlich als Hauptkonflikt des Films: Der Junge muß buchstäblich nach einem Sinn suchen, der seine ebenso jugendliche Freundin und Verlobte lebendig hält. Die nämlich liegt mit einem gebrochenen Herzen im Krankenhaus, weil ihre Katze totgefahren wurde.

Ja, die Filme von Fridrik Thór Fridriksson schwanken in den letzten Jahren weniger zwischen genial und wahnsinnig, dafür zunehmend zwischen romantisch und albern. Der Abstieg begann mit dem schon schwerverdaulichen Außenseitermelodram Engel des Universums, der Tiefpunkt war das vollends dilettantischen Außenseitermelodram Islandfalken. Niceland ist, welch Wunder, ein Außenseitermelodram geworden. Immerhin weht Hoffnung auf einen Neuanfang durch die ersten Minuten des Films: Es ist die erste englischsprachige Produktion des isländischen Altmeisters (nachdem Islandfalken schon eine deutsche Koproduktion war), aber irgendwie mag sich erneut kein rechtes Interesse einstellen. Zu naiv und lebensfern sind die Figuren seiner Geschichte – man weiß nicht, ob man dem höchstens sechzehnjährigen Mädchen, das so übermäßig über ihre totgefahrene Katze trauert, daß sie darüber ins Koma fällt, wirklich eine Liebesbeziehung wünschen möchte, die ihr ohnehin nicht einmal Lebensgrund genug zu sein scheint. Man weiß auch nicht, ob man wirklich will, daß man diesem Jungen, der schließlich zu einem selbst emotional vernarbten Schrottplatzbesitzer zieht, weil dieser unklugerweise im Fernsehen behauptet hat, den Sinn des Lebens zu kennen, wünschen soll, daß er seine Fragen beantwortet kriegt.

In diesem Plot, der Motive des Kinderfilms mit denen des romantischen Dramas vermischt, reißen eigentlich nur die erwachsenen Figuren etwas heraus. Kerry Fox bleibt dabei als überforderte Mutter eher im Hintergrund, aber Peter Cabaldi als der aufgeschreckte Vater, bei dem die Sinnsuche seines Sprößlings eine mittelschwere Midlife-Crisis mit exakt den gleichen kindischen Fragen auslöst, versprüht einen seltsamen Charme. Aber letztlich kann nur der mal wieder herausragende Gary Lewis (der schon unter Regisseuren wie Scorsese, Loach und Kragh-Jacobson überzeugen konnte) wirkliche Empathie für seinen schweigsamen, suizidalen Einsiedler erzeugen, obwohl auch seine Figur überreif ist mit Klischees und emotionalen Unstimmigkeiten. Wie in einem Baukasten für dramatische Außenseiterfilme sammelt Fridriksson die üblichen Motive zusammen: drohender Selbstmord; freundschaftlicher Rat; kleinen gesellschaftskritischen Spitzen; bis zum versöhnlichen Abschluß, an dem natürlich alle etwas voneinander gelernt haben. Nur wirken seine Bauteile mal wieder wie aus dreizehn verschiedenen Kinder-, Liebes- und Gesellschaftsfilmen zusammengeklaubt und wollen einfach nicht zueinander passen und schon gar keine sinnvoll motivierte Handlung ergeben.

Es sollte wirklich nicht schwierig sein, für diese Figuren Sympathie herzustellen, aber Fridrikssons Außenseiterkino, das sich traditionell auf die heiligen Narren jenseits der Gesellschaft konzentriert, die Träumer, Narren, Kinder und Behinderten, kommt auch in diesem Jahr der toten Katze nicht aus seinen naiven, emotional wirren Plotproblemen heraus. Die Handlung mäandert nicht mehr ganz so neben der Spur wie noch kürzlich im Jahr des toten Islandfalken, aber auch dieses Mal findet man hinter all der Tiersymbolik, all den Sinnversprechen und all dem vermeintlichen emotionalen Pathos nur ein leeres Zentrum. 1970-01-01 01:00
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