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Der neunte Tag

D/LUX 2004. R: Volker Schlöndorff. B: Eberhard Görner, Andreas Pflüger. K: Tomas Erhart. S: Peter R. Adam. M: Alfred Schnittke. P: Provobis. D: Ulrich Matthes, August Diehl, Hilmar Thate, Bibiana Beglau u.a.
98 Min. Progress ab 11.11.04

Zurückhaltung

Von Frank Brenner Die Karriere eines Schauspielers kann manchmal seltsame Zufälle bereit halten. Ulrich Matthes ist bereits seit vielen Jahren ein anerkannter Theaterschauspieler und darüber hinaus ein gefragter Hörspiel- und Synchronsprecher (u.a. für den britischen Shakespeare-Mimen Kenneth Branagh). Im Kino ist er indes noch relativ selten aufgetreten, und wenn, dann meist in kleineren Rollen. Nun haben es das Schicksal und die Casting-Agenturen gut gemeint und Matthes hintereinander in zwei deutschen Großproduktionen in tragenden Rollen besetzt, die zudem unterschiedlicher kaum sein könnten. Bei beiden Filmen handelt es sich um deutsche Vergangenheitsbewältigung, in beiden Produktionen werden die Greuel der Nazizeit rekonstruiert – einmal gehört Matthes zu den Tätern, im anderen Fall ist er Opfer. Oliver Hirschbiegels Bestandsaufnahme der letzten Tage im Führerbunker, Der Untergang, präsentiert uns Ulrich Matthes als Propaganda-Minister Goebbels, der mit seiner Frau und seiner sechsköpfigen Kinderschar zusammen mit Adolf Hitler im Freitod endet.

In Volker Schlöndorffs Der neunte Tag spielt der Mime einen luxemburgischen Priester, der von seiner Haft im Konzentrationslager einen neuntägigen Urlaub gewährt bekommt, in dem er seinen Bischof davon überzeugen soll, sich offiziell hinter die Ideale der nationalsozialistischen Besatzer zu stellen und damit den Papst unter Druck zu setzen.

Schlöndorff und seine beiden Drehbuchautoren Eberhard Görner und Andreas Pflüger beschränken sich bei der Inszenierung des »Alltags« im Konzentrationslager auf ein absolutes Minimum. Die entsprechenden Szenen sind, meist in Rückblenden, in verwaschenen Farben inszeniert und jeweils möglichst kurz gehalten. Und diese Zurückhaltung kommt dem Film durchaus zugute. Schließlich hat man derartige Szenen in den unterschiedlichsten Filmen schon zur Genüge zu sehen bekommen. Der neunte Tag wird also keiner der üblichen geschichtlichen Rekonstruktionen der Nazigreueltaten, sondern setzt bewußt seinen Schwerpunkt auf die Dialoge zwischen Matthes' Abbé Henri Kremer und dem von August Diehl gespielten Untersturmführer Gebhardt, der ihm seinen Urlaub ermöglichte und ihm nun seine Mission anträgt. In diesen Gesprächen kommt die bislang filmisch eher ausgeklammerte Meinung der katholischen Kirche zum Ausdruck, und es werden die Gewissenskonflikte des Abbés thematisiert, der mit seiner Entscheidung etliche seiner Kollegen vor dem sicheren Tod bewahren könnte, damit aber in die Rolle des Judas gedrängt würde. Ulrich Matthes kann in dieser Rolle mehr noch als in Der Untergang sein darstellerisches Potential zur Geltung bringen und die Zwiegespräche mit Diehl zu spannungsgeladenen Kabinettstückchen machen. Schlöndorffs Inszenierung bleibt wie gewohnt konventionell-zurückhaltend, was aber auch in diesem Fall wieder dem dialoglastigen, unspektakulären Stoff zu Gute kommt. 1970-01-01 01:00
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