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Netto

D 2004. R,B: Robert Thalheim. K: Yoliswa Gärtig. S: Stefan Kobe. M: Peter Tschernig. P: HFF Konrad Wolf, ZDF. D: Milan Peschel, Sebastian Butz, Stephanie Charlotta Koetz, Christina Große.
90 Min. Stardust ab 5.5.05

Ein kleines Filmwunder

Von Kyra Scheurer In der Reihe »Perspektive Deutsches Kino« der diesjährigen Berlinale gab es einen klaren Favoriten des Publikums, der schließlich auch mit dem Preis der Sektion belohnt wurde: Netto, ein Film, der einem wieder Lust macht, ein oft überstrapaziertes Wort zu benutzen, ein Film, der tatsächlich eines ist: authentisch. Außerdem ein Film, dessen Inszenierung eine Leichtigkeit vermittelt in dem, was oft das Schwierigste überhaupt ist: eine tragische Geschichte, die des arbeitslosen Versager-Vaters und Imbißbuden-Abhängers Marcel, komisch zu erzählen, ohne die Figuren zu diskreditieren oder in Klamauk und Klischees zu driften. Die große Überraschung dann: Dieses kleine Filmwunder entstand an der HFF Potsdam und zwar nicht als Abschlußfilm, sondern als einfache Drittjahres-Regie-Übung.

Hinter dem Film steht der 1974 geborene Autor und Regisseur Robert Thalheim, der den Erfolg seines Werks auf den Festivals in Saarbrücken und Berlin so gar nicht erwartet hat. Thalheim ist einer, der Wert darauf legt, viel Zeit mit seinen Figuren zu verbringen und seine eigenen Geschichten selbst zu erzählen. Und damit ist er nicht allein: Immer häufiger sind deutsche Filme von jungen Autorenfilmern im Kino und auf internationalen Festivals erfolgreich, wie in letzter Zeit Allein von Thomas Durchschlag oder Der Wald vor lauter Bäumen von Maren Ade. Die direkte Erzählweise von Netto ist der gleichen Schule zuzurechnen, wirkt dokumentarisch, ist rauh geschnitten, zuweilen absichtlich unscharf und erinnert insgesamt an die Dogma-Regeln bis hin zum fast völligen Verzicht auf Musik – einzig der Ost-Country von Peter Tschernig repräsentiert die Wunschwelt des Protagonisten.

Der ist ein notorischer Schwätzer mit unrealistischen Träumen vom großen Geld in der Security-Branche. Seinen Sohn erzieht er so alleine, daß der bislang bei der Mutter wohnt und Marcel ihn fast nicht erkennt, als er überraschend vor der Tür steht, weil er keinen Bock auf die Vorstadtidylle samt erneut schwangerer Mutter und verklemmt-bemühtem Stiefvater hat. Stattdessen übernimmt Sebastian patent die Erziehung seines leiblichen Vaters und coacht ihn vor Bewerbungsgesprächen. Das anrührend geschilderte Vater-Sohn-Verhältnis wird allerdings auf eine harte Probe gestellt, als Marcel bei Sebastians neuer Freundin punkten soll und stattdessen gerade in einem Alkoholismus-Rückfall schwelgt.

Hauptdarsteller Milan Peschel, der von Berliner Bühnen bekannt ist, glänzt in seiner ersten Kinorolle und trägt den Film fast alleine. Aber auch der junge Sebastian Butz ist trotz einiger Unsicherheiten sehenswert, besonders die weitgehend improvisierten Dialoge zwischen den beiden Jugendlichen treffen genau den von Thalheim für den gesamten Film intendierten leicht ironischen Ton, der mit Liebe zu den Figuren den Ernst der Lage unprätentiös vermittelt. 1970-01-01 01:00
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