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Nathalie

Nathalie… F 2003. R,B: Anne Fontaine. B: Jacques Fieschi, François-Olivier Rousseau. K: Jean-Marc Fabre. S: Emmanuelle Castro. M: Michael Nyman. P: Les Films Alain Sarde. D: Fanny Ardant, Emmanuelle Béart, Gérard Depardieu u.a.
100 Min. Concorde ab 5.8.04

Edelhure ersetzt Ehefrau

Von Dietrich Brüggemann Männer und Frauen, Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern – aus diesen Konstellationen speisen sich im Grunde alle Geschichten, die je erzählt wurden. Wenn man nun noch Erdbeben, Explosionen und Aliens hinzunimmt, wird die Sache bestenfalls aufregender, schlimmstenfalls einfach dümmer. Läßt man diese Dinge weg und verläßt sich auf den Aufruhr, der in der Seele der Menschen stattfindet, kann es enorm spannend, aber auch entsetzlich langweilig werden. So weit die bewährte Faustregel.

Nathalie enthält eine Kombination menschlicher Kräfte, die mit einem Satz nacherzählt ist, aber hohe emotionale Sprengkraft besitzt: Eine betrogene Ehefrau setzt eine Prostituierte auf ihren Mann an, läßt diese quasi stellvertretend für sich selbst eine Affäre mit dem untreuen Gatten erleben und bringt so das erlahmte Eheleben am Ende wieder auf Vordermann.

Kein anderes Land als Frankreich hätte uns diesen Film schenken können, will man da ausrufen und sich gleich darauf für seine eigenen Vorurteile in Grund und Boden schämen – der Franzose ist stets auf der Suche nach Liebesabenteuern, ja, meine Herren, so will es das Klischee seit den Zeiten Wilhelms des Zweiten. Aber Nathalie ist ein französischer Film und unternimmt nichts, um gängige Vorurteile zu widerlegen, im Gegenteil. So interessant hier die Idee, so problematisch ist die Umsetzung, denn sie läßt nicht nur die Klischees von der Leine, sondern behauptet zu viel und beweist zu wenig.

Da wäre ein reiches Ehepaar, sie Ärztin, er Büromensch, das sich in einer überragend geschmackvoll drapierten Pariser Luxuswohnung langweilt. Er geht fremd, sie kommt dahinter, ist gepflegt schockiert und spricht ihn darauf an, doch er findet sein Verhalten eigentlich ganz normal, will erst abstreiten und dann abwiegeln. Sie hingegen ist vollkommen aus der Bahn geworfen, geht in ein Rotlichtlokal und kommt mit einer Prostituierten ins Gespräch, und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Der Botenbericht, die Erzählung über außerhalb der Bühne stattgefundene Ereignisse, hat im Theater eine große Tradition und kann auch im Film, klug eingesetzt, eine schöne Sache sein. Nathalie ist voller Botenberichte: Die Monologe, in denen die von Emanuelle Béart hingebungsvoll gespielte Hure von ihren Erlebnissen berichtet, nehmen beträchtliche Teile des Films ein, laufen aber auf eine halbe Stunde Verbalpornographie hinaus. Fanny Ardant als Adressatin ist auch keine glückliche Wahl, zwar sieht sie gut aus, doch scheint sie nur über zwei mögliche Gesichtsausdrücke zu verfügen, nämlich einerseits den entspannten, eher leeren Ruhezustand und andererseits eine Art Lächeln, das sehr nach Grimasse aussieht. Gérard Depardieu als untreuer Ehemann reißt es auch nicht heraus, der Koloß mit sensiblem Kern, den er meistens spielt, hat diesmal irgendwie gar keinen Kern.

Einige Momente sind es, die Nathalie wieder retten, und einer davon kommt glücklicherweise ganz am Ende. Zwei Menschen treffen eine Entscheidung, ganz spontan, unspektakulär und schön. Wäre doch der ganze Film so elegant gewesen, anstatt so elegant auszusehen. 1970-01-01 01:00

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