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Narren

D 2003. R: Tom Schreiber. B: Ingo Haeb. K: Hajo Schomerus, Olaf Hirschberg. S: Andreas Radtke, Myriam Strugalla. M: Jacob Friedrichs. P: Road Movies. D: Christoph Bach, Victoria Deutschmann, Hannelore Lübeck, Markus John u.a.
93 Min. Neue Visionen Verleih ab 11.9.03

Surreal regional

Von Achim Wetter Schüchtern ist Roman und ziemlich naiv, unbeholfen und doch irgendwie sympathisch. Ein junger Mann, in dessen trostloses Leben sich unversehens der Beginn eines echten Ausnahmezustands drängt – Köln, kurz vor dem Karneval. Da baumelt plötzlich der Tod als furchterregende Strohpuppe vor dem Fenster der tristen Wohnung, da begegnen ihm kuriose Gestalten auf Stelzen hinter gigantischen Tribünen, und da überfährt ihn auch noch sein Chef ganz gönnerhaft mit dem Angebot: »Roman, ich bin der Gerhard«. Das wird dem Neukölner zusehends zuviel, ist er doch gewöhnt an sein freudloses Dasein zwischen fadem Büroalltag und selbstloser Pflege der schrulligen Oma. Doch ohne jedes Mitleid wirft Drehbuchautor Ingo Haeb seinen unerfahrenen Roman den Karnevalisten zum Fraß vor. Ein wilder Taumel zwischen Erniedrigung und Korruption, zwischen Liebe und Tod, zwischen Wahnsinn und Katharsis nimmt seinen Lauf.

Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Tom Schreiber hätte durchaus eine hochemotionale psychologische Studie über die Emanzipation eines unterdrückten Menschen werden können. Doch dafür geriet ihm die Hauptfigur ganz eindeutig zu flach. Christoph Bach spielt seinen Roman wie eine Marionette, die von allen und jedem benutzt wird, solange es Spaß macht und die in der Ecke landet, wenn es Spannenderes zu entdecken gibt. Es müssen vor allem die archaischen Rituale gewesen sein und die Verrohung der Sitten, die Tom Schreiber zu einem surrealen Gesellschaftsbild verführten. Und spannend ist es allemal, wie die Filmemacher die komplette Bandbreite stilistischer Möglichkeiten ausnutzen, um subjektive Empfindungen in passende Filmbilder zu transformieren. Bedrückend und schwerfällig, farblos und grotesk wirkt ihr Kosmos und verwandelt den bunten, quirligen Karneval in eine bedrohliche, von kostümierten Monstern bevölkerte Welt voller Gefahr.

Drei Jahre ist es mittlerweile her, daß die Filmstiftung NRW und der WDR in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Road-Movies-Factory auf den Hofer Filmtagen die Nachwuchsreihe »Radikal digital« initiierten. Und mit Narren findet nun das erste von vier ausschließlich mit digitaler Technik realisierten Projekten seinen Weg in die Kinos. Eine Woche darauf wird mit Junimond von Hanno Hackfort der zweite radikal-digitale Film um die Zuschauergunst buhlen. Narren jedenfalls muß sich nicht verstecken hinter dem schützenden Label des Experimentalfilms. Denn er schafft es, ohne selbstverliebte Spielereien einen eigenen Filmraum zu erschaffen, seinen Figuren zwar skurrile, aber glaubwürdige Identitäten zu verleihen und eine schlüssige Handlung voranzutreiben. 1970-01-01 01:00
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