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Napola

Napola – Elite für den Führer. D 2003. R,B: Dennis Gansel. B: Maggie Peren. K: Torsten Breuer. S: Jochen Retter. M: Normand Corbeil. P: Olga Film. D: Max Riemelt, Tom Schilling, Devid Striesow u.a.
115 Min. Constantin ab 13.1.05

Schlechte Erziehung

Von Christian Lailach Simple subtotalitäre Strukturen und deren Einflüsse auf die frühe Meinungsbildung haben heute in der westlichen Welt die wenigsten Menschen erfahren. In ihrer Erziehung wurde deren Existenz und Systematik meist einseitig rational auf dokumentarischer Ebene vermittelt. Ein totalitäres System gilt demnach, das zu Recht, als grausam, sogleich nicht zu hinterfragen. Das aktuelle System wird alsbald gleichsam rational adaptiert und wenig offen reflektiert.

Eine eher emotionslastige Sicht auf Totalitäres schafft Napola. Friedrich, aufgrund seiner sportlichen Begabung einer nationalpolitischen Eliteschule würdig, trifft hier auf Albrecht, den Sohn des Gauleiters. Mit der sich anbahnenden Freundschaft beginnt der bürgerlich geprägte Friedrich, die für ihn bisher selbstverständlichen Seiten der Gesellschaft zu hinterfragen. Die Freundschaft als auch das System wirken dabei wechselseitig als Katalysatoren der Selbsterkenntnis. Nur ist der Weg dorthin nicht derart seicht und emotional behaftet wie dargestellt. Dies versucht der Film mit Zu- und Überspitzung seiner Geschwindigkeit zu überspielen. Auf Fragen folgen Zweifel, Zweifel fördern die persönliche Unverstandenheit; eine eindeutige, klare Haltung ist allmählich unumgänglich.

Gansel spielt dabei mit Symbolen der Zeit, ohne explizit auf sie einzugehen. Das macht ihn sympathisch: Dem Rezipienten wird die Fähigkeit der Rezeption zugesprochen – bis dato in Filmen mit nationalpolitischem Bezug eher selten der Fall. Nur braucht der Film diesen Bezug eigentlich nicht, würde vielmehr intensiver und unabhängiger, gar freier agieren und wirken können, selbst wenn dieser in seiner Symbolik reduziert wäre. Sofern es demnach gelingt, das Hakenkreuz auf eine unbelegte, allgemeinere Basis zu heben, kann Napola Kraft und Inhaltsschwere vermitteln.

Der gesellschaftlich meist rationale Umgang mit derartigen Thematiken setzt eine, sicher oft nicht vorhandene, emotionale Offenheit voraus. Auch wenn der Transfer somit letztlich schwer fällt, sollte er nicht unversucht bleiben. Der Ruf nach Reflektion und freiem Denken würde sodann lauter. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #37.
© 2012, Schnitt Online

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