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Die Nacht singt ihre Lieder

D 2003. R,B: Romuald Karmakar. B: Martin Rosefeldt. K: Fred Schuler. S: Patricia Rommel. M: Swans, Henry Purcell, Michael Mayer u.a. P: Pantera Film GmbH. D: Frank Giering, Anne Ratte-Polle, Sebastian Schipper u.a.
95 Min. Prokino ab 19.2.04

Melodien einer Mittelstandsehe

Von Tamara Danicic Die Konturen einer jungen Frau schälen sich allmählich hinter einem weißen Vorhang heraus. »Ich halte das nicht mehr aus«, sagt sie, doch der verbale Paukenschlag verhallt zwischen den Wänden der schicken Berliner Altbauwohnung. Ihr Mann, erfolgloser Schriftsteller und Phlegmatiker, vernimmt es und rührt sich nicht. Fast schon trotzig weigert er sich, den von der bürgerlichen Gesellschaft vorgezeichneten Weg zu beschreiten, also einem »soliden« Beruf nachzugehen und sich ab und zu mal mit Kollegen oder Freunden so richtig zu amüsieren. Statt dessen scheint er dem Leben zu begegnen wie ein Kaninchen der Schlange. Er hat seinen Radius immer weiter eingeengt, bis selbst der Gang zum Briefkasten eine Herausforderung darstellt – umso mehr, als dort lediglich die Absagen der Verlage auf ihn warten. Und weil ihm die Welt draußen fremd geworden ist, empfindet er sie als bedrohlich, insbesondere auch im Hinblick auf die Beziehung zu seiner Frau. Diese wiederum zieht es raus ins pulsierende Leben, welches lediglich in Form von Straßenlärm gedämpft in ihre Wohnung dringt. Sie leidet unter den Bleigewichten, die sie in Mann und Kind (einem Neugeborenen) sieht, die sie aber nicht so leicht abwerfen kann. Was dem einen Refugium, ist dem anderen Gefängnis. Gleichzeitig reiben die zwei Protagonisten sich über diese konträren Fluchtbewegungen aneinander, signalisieren dem anderen, daß ihre Beziehung im Argen liegt. Als Baste, der (angebliche) Liebhaber der Frau auftaucht und sie Anstalten macht, mit ihm fortzugehen, kann man sich des Verdachts nicht erwehren, daß es sich hier lediglich um einen Warnschrei handelt. Sehnt sie sich nicht einfach nur danach, gehört und begehrt zu werden?

Das alles wird in dem gleichnamigen Theaterstück von Jan Fosse, der Vorlage zum Film, keineswegs wortreich verhandelt oder psychologisiert, sondern bricht sich in messerscharfen, kurzen Sätzen, in Wiederholungen, Andeutungen, Gesten und vor allem in bleiernem Schweigen Bahn. Karmakar macht aus dem Stoff ein präzise ziseliertes Tableau, bei dem jede Einstellung, Kamerabewegung wie auch Lichtsetzung wohlüberlegt ist. Nichtsdestotrotz wird hier niemand verurteilt, vielmehr wird das Beziehungsgefüge permanent neu ausgehandelt. Die einzelnen Figuren gewinnen nicht zuletzt auch über die Musik an Kontur, die ihre nächtlichen Lieder singt, wenn die Frau und der Mann keine Worte finden. Bei Die Nacht singt ihre Lieder weiß jemand offenbar genau, was er tut – und dieses Gefühl hat man viel zu selten im deutschen Film.

Die Gratwanderung entlang eines künstlichen ritualisierten Sprechens, das jedoch jegliches theatralische Deklamieren vermeidet, gelingt sowohl Ratte-Polle als auch Giering souverän. Ins Wanken gerät der Balanceakt mit dem Auftritt Sebastian Schippers alias Baste. Das geerdete Hamburgerische, das er offenbar nicht ablegen kann, wirkt fast schon vulgär in diesem fein austarierten, minimalistischen Wortgefecht. Rein von der physischen Präsenz mag Schipper als Gegenentwurf durchaus seine Berechtigung haben, auf der sprachlichen Ebene funktioniert das Ganze leider nicht. So wird der Katalysator plötzlich zum Fremdkörper. 1970-01-01 01:00
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