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Eine Nacht bei McCool's

One Night at McCool's. USA 2000. R: Harald Zwart. B: Stan Seidel. K: Karl Walter Lindenlaub. S: Bruce Cannon. M: Marc Shaiman. P: USA Films. D: Liv Tyler, Matt Dillon, John Goodman, Paul Reiser, Michael Douglas u.a.
Constantin ab 12.4.01
Von Matthias Grimm Der amerikanische Traum ist tot, es lebe der amerikanische Traum. Während Männer stets hart als Tellerwäscher arbeiten und in der Zwischenzeit auf die metaphysische Fügung hoffen, die Wunder wahr werden läßt, haben Frauen das Nachsehen: Sie arbeiten eben nicht, und folglich bleibt nur der kleinbürgerliche Traum von Haus und Familie, ein Traum, der nicht erarbeitet, nur gestohlen werden kann.

Zu diesem Zwecke erschuf Gott die Femme fatale, die in ihrer Ambivalenz wie geschaffen ist, ihre Fügung selbst zu produzieren: Heilige und Hure in einer Person, Racheengel, personifizierte Unschuld, der Giftpfeil, der das Herz durchbohrt und gleichzeitig die Wunde desinfiziert. Die Wirklichkeit liegt im Auge des Betrachters, in diesem Falle derer drei: Matt Dillon, Paul Reiser und John Goodman erzählen die Geschichte ihrer Suche nach dem Glück, der Erlösung oder nur dem schnellen Sex, wahr geworden in ein und derselben Frau.

Die subjektive Kamera fängt dabei, nur für den Zuschauer sichtbar, die ganze Geschichte ein, variiert Subtilitäten, Kleidung, Licht, Perspektiven, um die wahre Identität der Femme zu verbergen: berechnend, männermordend oder doch nur Opfer? In kaum einer Frau kulminieren diese Facetten so perfekt wie in Liv Tyler: Wenn sie als bildgewordene Männerphantasie ein Auto wäscht, könnte es tatsächlich als Zufall interpretiert werden, wenn ihr Kleid dabei durchnäßt und der Blick auf mehr frei wird, als man zu hoffen gewagt hatte.

Regiedebütant Harald Zwart gelingt es, die zur reinen Abbildung von Szenen verkommene Bildsprache amerikanischer Komödien immerhin im Ansatz zu verfeinern. Ein Druck auf den Lichtschalter genügt, und schon erstrahlt Jewel im Heiligenschein oder Rotlicht. Sowieso ist »Rot« ein äußerst gefälliger weil ambivalenter Farbcode und durchzieht deswegen den Film wie der sprichwörtliche Faden: Rot ist Jewels Kleid ist ihre Leidenschaft ist das Blut auf dem Teppich. Weiß dagegen ist nur der Glitter der Schneekugel, die als Essenz amerikanischer Traumproduktion die Wünsche ihrer Betrachter subsumiert.

Jene Wünsche sind es, die Hollywood, als Synonym dieser Produktion, bedient und damit den Zuschauer zum Beobachter höherer Ordnung macht, der Teil hat am Traum der anderen und letztlich seinen eigenen projiziert sieht, direkt auf der Leinwand. Die vollkommene Verführung findet nicht durch die Frau, die Femme fatale, statt, sondern durch ein Medium. Daß der amerikanische Traum, ohne es zu wollen, jedoch schon längst die Emanzipierung vollzogen hat, wird am Ende klar: Denn gerade Diebstahl ist harte Arbeit, und der wunderbare Schlußgag beweist: Diese Fügung kann nur metaphysisch sein. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #22.
© 2012, Schnitt Online

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