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Nachbarinnen

D 2004. R: Franziska Meletzky. B: Elke Rössler. K: Alexandra Czok. S: Jürgen Winkelblech. M: Elke Hosenfeld, Moritz Denis. P: Eikon Media, Junifilm u.a. D: Dagmar Manzel, Grazyna Szapolowska, Jörg Schüttauf, Berndt Stübner, Ramona Libnow u.a.
88 Min. Salzgeber ab 28.4.05

Liebes Leiden

Von Frank Brenner In der Nacht, bevor Dora zu ihrer Schwester und dann mit ihr in Urlaub nach Spanien fahren möchte, ertönt in ihrem Mietshaus ein Schuss. Nach Lärm im Treppenhaus steht plötzlich ihre neue polnische Nachbarin Jola vor Doras Tür und bittet sie, sich bei ihr verstecken zu dürfen. Jola glaubt, im Affekt ihren Chef Bernd, den Besitzer der hauseigenen Kellerkneipe, erschossen zu haben. Die verhärmte Dora erklärt sich zunächst widerwillig einverstanden, ist aber schon bald fasziniert von der impulsiven Polin und beginnt, sich in diese zu verlieben. Als sich die Vorwürfe gegen Jola komplett zerschlagen, lügt Dora ihre heimliche Untermieterin an, damit diese weiterhin bei ihr bleibt.

»Wer liebt, riskiert zu leiden – wer nicht liebt, leidet schon« lautet eine der unumstößlichen Weisheiten der sympathischen polnischen Schwarzarbeiterin, die das geordnete, aber trostlose Leben Doras gewaltig auf den Kopf stellt. Franziska Meletzky hat in ihrem Regiedebüt ein scharfes Frauenporträt gezeichnet, bei dem vor allen Dingen das Näherkommen zwischen den beiden Protagonistinnen reizvoll ausgelotet und glaubwürdig dargestellt wird. Die polnische Filmschauspielerin Grazyna Szapolowska, die unter der Regie von Krzysztof Kieslowski, István Szabó und Andrzej Wajda bekannt wurde, ist eine vorzügliche Besetzung für die Rolle der liebenswerten, etwas mysteriösen Jola. Es stellt sich auch als Vorteil heraus, dass sie hierzulande noch nicht allzu bekannt und sie deswegen noch nicht auf einen bestimmten Rollentyp festgelegt ist. Bei Dagmar Manzel verhält sich das leider ein wenig anders. Sie scheint mitunter als Dora ein wenig fehlbesetzt. Aber da Meletzky und ihre Drehbuchautorin Elke Rössler diese Figur ohnehin mit Widersprüchen, Ecken und Kanten angelegt haben, trägt diese Diskrepanz zwischen Rolle und Schauspielerin nur noch zum durchaus beabsichtigten rätselhaften Gesamteindruck bei. Dora ist eine Frau, die nach 19 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen wurde und seitdem ein abgeschottetes, fast schon menschenfeindliches Leben führt. Das Drehbuch ist voll von symbolischen Anspielungen, die diese Situation unterstreichen. In Doras Haus finden sich beispielsweise unzählige Kakteen, auch wenn sie Zuhause ist, verriegelt sie ihre Eingangstür. Den Annäherungsversuchen ihres Nachbarn Conny begegnet sie mit übertriebenem Misstrauen. Erst in der offenen Direktheit Jolas findet sie ein lange gesuchtes Verständnis. »Man verliebt sich nicht in Geschlechter, sondern in Menschen« – getreu diesem Motto findet Dora in Jola eine Verbündete, die sie durch ihr unaufrichtiges Verhalten bitter enttäuschen wird. Ein gelungenes Regiedebüt, das einem momentan recht angesagten unspektakulären Stil huldigt und, von kleinen Ausnahmen abgesehen, zu überzeugen versteht. 1970-01-01 01:00
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