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Mystic River

USA 2003. R,M: Clint Eastwood. B: Brian Helgeland. K: Tom Stern. S: Joel Cox. P: Malpaso. D: Sean Penn, Tim Robbins, Kevin Bacon, Laura Linney, Marcia Gay Harden, Laurence Fishburne.
137 Min. Warner Bros ab 27.11.03

Ein langer, ruhiger Fluß

Von Daniel Bickermann In diesem Herbst der Moraldiskussionen und wenige Wochen, nachdem Lars von Trier uns drei Stunden lang seinen brachialen Wertekatalog eingeimpft hat, nur um ihn dann gleich wieder ironisch wegzufegen, fragt Clint Eastwood in seinem grandiosen Werk Mystic River nun erneut nach den ethischen Wertungen des Publikums. Sogar ihr Ansatz ist ähnlich: Wo von Trier ein Musterdorf Dogville erfand, sucht sich Eastwood ein archetypisches amerikanisches Hafenviertel, um seinen Kosmos zu repräsentieren.

Die Ambivalenz, das Fingerspitzengefühl und die Routine, mit der Eastwood dabei zu Werke geht, sollte nicht überraschen: Zum einen hat er sich über die letzten zwanzig Jahre und gegen jedes Klischee vom regieführenden Schauspieler als einer der ehrlichsten und interessantesten amerikanischen Filmerzähler seiner Generation entpuppt; zum anderen wurde Eastwood ja auch als Schauspieler berühmt für die Demythologisierung der zwei einstmals moralisch gefestigtesten Genres – des Polizeifilms und des Westerns. Wenn Eastwood auf der Leinwand zu sehen war, gingen die ethischen Grenzen schnell flöten, statt Guten und Bösen gab es, um einen genresüchtigen Spezialisten namens Quentin Tarantino zu zitieren, nur noch »Dreckskerle« und »verdammte Dreckskerle«.

So stand in Eastwoods bisherigen Filmen neben dem Altern und der Frage der Männlichkeit eben auch immer die Moral im Mittelpunkt – und selten konnte er diese drei Punkte stimmiger und mitreißender miteinander verbinden als in Mystic River. Dabei hilft Eastwoods hart erkämpfte Reputation als Regisseur natürlich maßgeblich. Wer sich Brian Helgeland (L.A. Confidential) als Drehbuchautor leisten kann und dazu eines der herausragendsten Ensembles seit dem letzten Film von Robert Altman, der hat schon viel richtig gemacht. Vor allem, wenn die Stars, man kommt nicht um ihre Nennung herum, allesamt Glanzleistungen abliefern. Der erste laut (Sean Penn), der zweite hintergründig (Kevin Bacon), der dritte seit langem mal wieder (Tim Robbins), die eine schockierend (Laura Linney), die andere in gewohnter Form (Marcia Gay Harden). Die Academy wird da wohl würfeln müssen, um ihre Oscarkandidaten herauszufischen, aber vielleicht sind ihnen die weniger schonungslosen Dramen aus dem Hause Miramax ohnehin genehmer.

Der Täter steht von Anfang an fest. Das ist das Gemeine an Helgelands klugem Skript. Er wird so schnell und so überdeutlich identifiziert, daß man nach zwei Stunden gar nicht anders kann, als anfangen, zu zweifeln. Dies wiederum gibt Eastwood, der zu keiner Zeit an einem klassischen Whodunit interessiert scheint, Zeit und Möglichkeit, ein sehr genaues Psychogramm von Opfer und Täter zu erstellen – und festzustellen, wie schnell die Grenzen verschwimmen. Wie soll man noch moralisch urteilen in einer Welt, in der die Standards aufweichen, in der Mord auch Verantwortung ist und Tod auch Erlösung?

Eastwood wirft viele Fragen auf und sorgt mit traditioneller Kameraführung und einem gemäßigten Tempo dafür, daß kein technischer Schnickschnack den Weg zu diesen Fragen verbaut oder erleichtert. Ein durchaus gewichtiges Drama, das in diesen Zeiten, da die Teenies längst zum Hauptzielpublikum der Filmindustrie geworden sind, aufmerksame, selbständige, erwachsene Zuschauer verlangt, um ihnen wieder zu zeigen, wozu das Erzählkino eigentlich in der Lage ist. 1970-01-01 01:00
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