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My Name is Joe

GB 1998. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Barry Ackroyd. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. D: Peter Mullan, Louise Goodall, David McKay, Anne-Marie Kennedy u.a.
105 Min. PolyGram ab 7.1.99

Halbzeitpause

Von Oliver Baumgarten So schwer Englands Sozialstaat an der Post-Thatcher-Ära zu schleppen hatte, der Filmindustrie bescherte sie einen enorm kommerziellen wie qualitativen Aufschwung. Im Laufe der letzten Jahre etablierte das britische Kino eine ganze Reihe unwiderstehlich erdiger Sozialstudien, Werke, die sozialen Unzulänglichkeiten mit humoristischer Renitenz und engagierter Bockigkeit zu Leibe rücken. Peter Cattaneo, Regisseur des vorläufigen (finanziellen) Höhepunkts Full Monty, Stephen Frears oder Mike Leigh zeichnen ihre beherzten Lageberichte mit Hilfe liebenswerter Figuren, die dank eigenen Engagements immer auch einen Hauch Optimismus verströmen.

Ken Loachs Joe ist eine solche liebenswerte Figur. Er hat sein Leben in den Griff bekommen, ist seit Jahren trocken, hält sich mit Jobs über Wasser und trainiert eine Vorstadt-Fußballmannschaft. Joe unterstützt diese, wie er sagt, Familie mit der Selbstsicherheit und Stärke, die ihn umgibt. Als er endlich, nach Jahren der Trennung, wieder eine Frau lieben lernt, scheint er endgültig den Weg zurück in eine gesicherte Existenz eingeschlagen zu haben.

So sehr der Betrachter Joe Kavanagh in diese sichere Existenz hineinwünscht, um so tiefer ziehen ihn dessen Solidarität und väterliche Rollenakzeptanz zu einem Freund in sein wohl finsterstes Loch hinab. Für Optimismus ist in Ken Loachs Welt kaum Platz. Wo in Filmen wie The Van, Full Monty oder Secrets and Lies am Ende zumindest kompromißlos freundschaftlicher Zusammenhalt bleibt, der Hoffnung macht, reduziert sich der Hoffnungsschimmer des bei Loach erst aus Solidarität entstandenen Elends in einer winzigen Geste der allerletzten Einstellung.

Ken Loachs grundehrlicher Film bezieht seine Glaubwürdigkeit und Relevanz aus den umwerfend präzisen Charakterzeichnungen und ihren perfekten Darstellern, insbesondere des kapitalen Peter Mullan in der Hauptrolle. Gleichsam wechselt das Drehbuch derart einfühlsam zwischen Humor und Tragik, daß es trotz bitterster Brocken eine unwiderstehliche Natürlichkeit ausstrahlt. Wenn Thatchers hinterlassene Sozialruine solch unprätentiös große Filme hervorzubringen vermag, wer weiß, vielleicht hat dann die deutsche Filmindustrie nach Kohls Abgang auch noch Erfreuliches zu erwarten? 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #13.
© 2012, Schnitt Online

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