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Die Mutter

The Mother. GB 2003. R: Roger Michell. B: Hanif Kureishi. K: Alwin Küchler. S: Nicolas Gaster. M: Jeremy Sams. P: BBC Films, Renaissance Films. D: Anne Reid, Peter Vaughan, Anna Wilson-Jones, Daniel Craig, Steven Mackintosh, Cathryn Bradshaw, Oliver Ford Davies u.a.
112 Min. Concorde ab 9.10.03

Besuch der alten Dame

Von Frank Brenner Zu Beginn geht es ziemlich hektisch und laut zu. Das alte Ehepaar hat seine Zugfahrt nach London gerade hinter sich gebracht und betritt das Haus des Sohnes, in dem ein einziges Chaos zu toben scheint. Der Fernseher läuft, Bobby telefoniert, seine Frau versorgt das schreiende Baby, die anderen Kinder erkennen ihre eigenen Großeltern nicht, die nach Jahren mal zu Besuch kommen, und zwischendrin und drumherum baut ein Handwerker auch noch an einem Wintergarten. Als sich das Chaos ein wenig gelegt hat, wird schnell klar, daß die Einladung nur eine Höflichkeitsgeste und nicht wirklich gewollt war. Die Situation spitzt sich zu, als der Großvater (herrlich: Peter Vaughan) noch während des Aufenthalts stirbt und die Großmutter sich entschließt, lieber bei ihrem Sohn bzw. bei ihrer Tochter in London zu bleiben als alleine in ihrem Haus in der Provinz zu versauern.

Anders als unlängst Jesper W. Nielsen in seinem Generationendrama Okay, in dem die Gegensätze immer wieder für Gags gut waren, zeichnet Roger Michell in seinem Film nach dem turbulenten Anfang bald einen tristen Alltag voller echter Probleme, in dem es wenig zu lachen gibt. Anne Reid spielt mit Charisma, großer Wandlungsfähigkeit und durchweg überzeugend die Mutter, die das Leben ihrer Kinder durcheinander bringt und ihrer Tochter sogar den Liebhaber ausspannt, der mit der gut 20 Jahre älteren Frau entgegen moralischer Konventionen und sogar noch mit Hingabe im Bett landet. Sobald die Handlung diesen zunächst ungewöhnlichen Verlauf nimmt, hätte der Film schnell peinlich werden können. Aber ganz im Gegenteil: Das Aufbegehren und Ausbrechen der alten Dame wird in Folge immer glaubwürdiger und auch selbstverständlicher. Das ist zum großen Teil das Verdienst der grandiosen Anne Reid und ihrer einfühlsamen Darstellung. Es kommt ihrer Rolle und dem Film als Ganzem zugute, daß sie keine sonderlich bekannte Schauspielerin und auch kein Star von einst ist. Diese Frau könnte jedermanns Oma oder Mutter sein, und das macht die Figur so glaubwürdig und die Aussage so universell.

Aber auch Regisseur Roger Michell gebührt Anerkennung, weil er sich im Gegensatz zu seiner Erfolgskomödie Notting Hill hier auf angenehme Weise zurücknimmt. In erster Linie ist Die Mutter aber wohl der Film seines Drehbuchautors Hanif Kureishi, der hier einmal mehr sein Talent unter Beweis stellt und seinem Stil treu bleibt. Wie in seinen bislang herausragendsten und bekanntesten Werken My Beautiful Laundrette und Sammy and Rosie Get Laid zeichnet er auch hier ein äußerst präzises und stimmungsvolles Bild der britischen Gesellschaft. Zudem zeigt er uns erneut Menschen, die sich über Moralvorstellungen ihrer Umwelt und gesellschaftliche Zwänge hinwegsetzen und sich für ein Leben entscheiden, mit dem sie selbst glücklich werden können. Auch wenn Kureishis Geschichten selten Helden zeigen, die am Ende als Sieger dastehen, so erzählen sie doch stets von Personen, die durch ihre mutigen Handlungen an Selbstachtung gewinnen und zum Schluß glücklicher sind als zuvor. 1970-01-01 01:00

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