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Mr. and Mrs. Smith

USA 2005. R: Doug Liman. B: Simon Kinberg. K: Bojan Bazelli. S: Michael Tronick. M: John Powell. P: New Regency u.a. D: Brad Pitt, Angelina Jolie, Vince Vaughn u.a.
120 Min. Kinowelt ab 21.7.05

Killerblumen

Von Tamar Noort Hollywood heißt nicht umsonst Traumfabrik. Der durchschnittliche Kinogänger geht bei Betreten des Kinosaals einen Deal ein: Er verspricht, sich auf die ihm vorgegaukelte Wirklichkeit einzulassen und in eine Fiktion einzutauchen, die häufig fernab jeglicher Realitätsnähe des Normalbürgers liegt. Im Gegenzug erhält er zwei Stunden Spektakel, die seinen trockenen Alltag bereichern. Das Spiel mit Realität und Fiktion, mit Traum und Wirklichkeit ist somit jedem großen Hollywoodschinken inhärent. In jedem Film, der auf ein großes Publikum ausgelegt ist, wird die Beziehung zum Zuschauer mitgedacht. Diese Beziehung wird besonders vielschichtig, wenn Stars ins Spiel kommen. Wer wie Doug Liman für seinen Film Stars wie Pitt und Jolie verpflichtet, kann davon ausgehen, daß ein Großteil des Publikums beim Anblick Pitts auf der Leinwand eine Mischung aus Seven, Fight Club und Troja im Kopf hat, während Jolie, sobald sie zur Waffe greift, zu Lara Croft gerät. Hinzu kommt eine Komponente, die gerade im Fall Pitt-Jolie Wellen schlägt: Der durchschnittliche Kinogänger meint auch, die intimen Details aus dem Privatleben des jeweiligen Stars zu kennen.

Doug Liman greift diese Beziehung ziemlich charmant auf, indem er das Gespann Pitt-Jolie zunächst vollkommen gegen die allgemeingültige Erwartung besetzt: John und Jane Smith wohnen in einem kleinen Vorort, führen seit sechs Jahren eine öde Ehe und langweilen sich gegenseitig zu Tode. Die Tatsache, daß ein so normales Leben von Jolie und Pitt dargestellt wird, steht im direkten Widerspruch zu beiden Punkten der Film-Zuschauer-Beziehung: Der Kinogänger erwartet nicht nur von den Kunstfiguren Pitt und Jolie auf der Leinwand, daß sie ein actionreiches Dasein führen, sondern sieht auch die beiden Schauspieler in ihrem vermeintlich wahren Leben eher im glamourösen, glanzvollen Licht. Dieser Widerspruch führt dazu, daß der Kinogänger sich daran gehindert sieht, den Deal einzuhalten: So recht mag er den beiden Figuren nicht abnehmen, daß sich hinter der Blümchenfassade ihres langweiligen Daseins nicht noch eine andere Existenz versteckt. Was ihm hier an vorgegaukelter Realität präsentiert wird, ist so dick aufgetragen, daß er sich nicht in die ihm aufgetischte Geschichte hineinfallen lassen kann. Das wird dem Film in zweierlei Hinsicht zum Vorteil.

Zum einen, weil sich die Blümchenfassade innerhalb des Films tatsächlich schon schnell als eben jene erweist. Pitt und Jolie sind keine Langweiler, sondern alle beide hochbezahlte, durchtrainierte und erfahrene Auftragskiller, die für konkurrierende Firmen arbeiten und von dem Job des jeweiligen Ehepartners keine Ahnung haben. Vergnügt reibt der Zuschauer sich die Hände, als das öde Eheleben der Smiths langsam zu bröckeln beginnt. Denn Herr und Frau Smith bekommen jeweils den Auftrag, den anderen zu töten. Der Zuschauer sieht Pitt und Jolie dabei zu, wie sie sich seinen Erwartungen zunehmend anpassen.

Die Auflösung dieses Durchschnittslebens, das langsam Platz macht für den actionreichen, »wahren« Alltag der Protagonisten, gleicht durchaus dem Prozeß, den der Zuschauer durchmacht, wenn er sich in den Kinosessel sinken läßt und seinen Alltag gegen die traumhafte Realität Hollywoods eintauscht. Ihm wird der Übergang seiner eigenen Realität in die Traumwelt gespiegelt.

Auch hier zeigt sich, daß es dem Film durchaus zugute kommt, die Erwartungen des Publikums auf den Kopf zu stellen. In Sachen Glaubwürdigkeit erhält er so eine gewisse Narrenfreiheit. Wenn der Zuschauer der ihm vorgegaukelten Realität sowieso nicht traut, braucht der Film sich auch keine Mühe zu geben, den Figuren logische Handlungsweisen aufzuerlegen. Vielmehr kann er sich nun vollends darauf konzentrieren, die Entwicklung der beiden Stars vom Mauerblümchen zum sexy Killer möglichst actionreich in Szene zu setzen. Und wer schaut nicht gerne Angelina Jolie dabei zu, wie sie im engen Dress, ein Maschinengewehr geschultert, durch die Lüfte schwebt? 1970-01-01 01:00

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