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Moulin Rouge!

USA 2001. R,B: Baz Luhrmann. B: Craig Pearce. K: Donald M. McAlpine. M: Craig Armstrong, Marius DeVries. S: Jill Bilcock. P: Bazmark. D: Nicole Kidman, Ewan McGregor, John Leguizamo, Jim Broadbent, Richard Roxburgh u.a.
127 Min. Fox ab 18.10.01
Von Sascha Seiler Das Theater im Theater – oder wie weit lassen sich verschiedene Realitätsebenen untereinander verschieben, bis eine reine, vollkommene Theatralität zum Vorschein kommt? In William Shakespeare's Romeo and Juliet erlag Baz Luhrmann noch der Versuchung, die Divergenz der Medien Literatur und Film bzw. des geschriebenen/ gesprochenen Wortes und des Bildes hervorzuheben, um einen Raum zu schaffen, in dem eine reine Projektion kulturgeschichtlicher Codierungen und populärer Kinomythen aufeinanderprallen. Das Resultat wirkte in seiner zwangsläufig stringenten Handlung gerade deswegen komisch, weil die Repräsentationen in all ihrer popkulturellen Beliebigkeit immer auf ein klassisches Motiv hinauszielen konnten – und dieses lächerlich machten.

In Moulin Rouge! ist das alles einfacher. Hier dringen nur noch Bruchstücke realer Kulturgeschichte in eine wieder einmal klassizistische Handlungsstruktur ein, und die popkulturelle Bilderebene wird nicht durch den Bezug zur Hochkultur ironisch gebrochen, sondern durch das Rezitieren gerade jener Popkultur, die zur Filmzeit noch lange nicht geboren war. So wirkt das erste Bild des Films, eine an die Stummfilmzeit gemahnende Pergamenttafel, auf der die Jahreszahl 1900 steht, wie ein früher Hinweis auf eben diese gebrochene Reflexion über jene Popmusik, aus der sich der Film zu großen Teilen konstituiert und deren Texte ein wesentliches Element der narrativen Struktur sind.

Luhrmanns Film ist dermaßen reich an dieser Art des Umgangs mit Zeichen, daß man ihn mehrfach sehen müßte, um die Bedeutung jedes einzelnen zu erschließen. Jedes Wort, das aus dem Mund eines Protagonisten kommt, weist auf eine neue Ebene popmusikalischer Interpretation hin, was nichts Besonderes wäre, spielte der Film nicht im Fin de siècle.

Die Codes werden umgedreht, sie wollen auf eine Zeit verweisen, als sie noch nicht als Codes verstanden wurden und beweisen damit ihre Universalität – eine Universalität, die ein konstitutives Element der Sprache der Popmusik ist. So wird selbst die Aufforderung aus Nirvanas »Smells Like Teen Spirit«, »Here we are now, entertain us« in seiner nicht intendierten Aussage beim Wort genommen, also der ihr ursprünglich innewohnenden Ironie beraubt und das Reich der »ernsthaften« Popmusik zugleich als ein Reich des reinen Entertainments entlarvt.

Denn Entertainment ist alles in einer Welt, die davon lebt, den Zuschauer in den Bann der Illusion zu ziehen. Die unendliche Traurigkeit, die hinter der Fassade gelegentlich hervorblitzt, wird von Luhrmann – wie so vieles in diesem Film – nicht auf der Ebene der Schauspieler dargestellt, sondern an dem was sie sagen, bzw. in welchen Kontext ihre Worte gesetzt werden müssen. Symptomatisch für die Notwendigkeit dieser Kontextbildung zum Entlarven einer Scheinwelt ist die Szene, als der Theaterleiter aufmunternd die Worte zu Queens »The Show Must Go On« rezitiert, Worte, die nach dem Tod des Queen-Sängers Freddie Mercury erst ihre wahre Bedeutung offenbarten.

Die vollkommene Theatralität ist dann erreicht, wenn im großen Finale der Theater-Zuschauer nicht mehr zwischen Wahrheit und Spiel unterscheiden kann, sich täuschen läßt von immer neuen Ereignissen, die ihm die Illusion vorgaukeln, bevor der dramatische Schluß die Aufführung letztendlich doch in ein Theater des Todes verwandelt. Die Theatralität hat die Realität zu diesem Zeitpunkt allerdings längst eingeholt. 1970-01-01 01:00

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