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Moolaadé

SN 2004. R,B: Ousmane Sembène. K: Dominique Gentil. S: Adellatif Raiss. M: Boncana Maiga. P: Filmi Domirew, Dir Cinematogr. Nationale u.a. D: Fatoumata Coulibaly, Maimouna Helene Diarra, Salimata Traore, Dominique T. Zeida u.a.
124 Min. Neue Visionen ab 11.5.06

Bis hierher und nicht weiter

Von Dietrich Brüggemann Es gibt Dinge, die will man gar nicht so genau wissen. Daß kleinen Jungen in vielen Teilen der Welt die Vorhaut entfernt wird, das weiß man schon länger, aber was mit den Mädchen passiert, die in vielen Ländern Afrikas der sogenannten Beschneidung unterzogen werden, spottet jeder Beschreibung. Das Thema geht seit einigen Jahren durch die Medien, und meist entsteht irgendwann die Frage: Dürfen wir uns eigentlich in die Gepflogenheiten fremder Kulturen einmischen? Oder ist das deren Privatangelegenheit, zu der wir arroganten Westler den Mund halten sollten?

Da ist es natürlich ganz willkommen, wenn die Betroffenen sich selber zu Wort melden. Ousmane Sembène, der legendäre erste unabhängige Filmemacher Schwarzafrikas, hat im reifen Alter von 82 Jahren mit Moolaadé einen Film gemacht, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Hier werden im Namen der Tradition Menschen verstümmelt und manchmal umgebracht, sagt er, und das kann niemandes Privatsache sein.

In einem Dorf im Senegal flüchten sich eines Tages vier Mädchen auf den Hof der Frau Collé – es hat sich herumgesprochen, daß die damals die Genitalverstümmelung ihrer eigenen Tochter verweigert hat. Collé gewährt den Mädchen einen rituellen Schutz namens Moolaadé: Sie spannt ein Seil vor ihre Türschwelle, das keiner überschreiten darf. Dieser Bann ist von magischer Wirksamkeit: Niemand zieht ihn in Zweifel, selbst die Beschneiderinnen, bedrohlich rotgewandete Gestalten, respektieren ihn. Ein Zuwiderhandeln würde die Welt gewissermaßen aus den Angeln heben. Es ist ein Tabu, und ein Tabu bricht man in dieser Welt einfach noch nicht.

Schon bald hat Collé die meisten Frauen aus dem Dorf hinter sich. Von Anfang an breitet der Film in parabelhafter Klarheit die Figuren und ihre Positionen vor uns aus. In seiner Buntheit und Deutlichkeit wirkt Moolaadé dabei ein wenig wie eins jener Schaubilder, mit denen früher in der Grundschule die Tiere des Waldes oder der Kreislauf des Wassers erklärt wurden – jede Szene ist ein klares Aufeinandertreffen zweier Auffassungen. Niemand redet um den heißen Brei. Jeder sagt, was er denkt. Es ist eine völlig andere Art des Geschichtenerzählens, die sich hier ereignet, und sie hat in ihrer archaischen Direktheit etwas Überwältigendes.

Die Männer des Dorfes ziehen sich zunächst auf die bequeme Position zurück, die ganze Beschneiderei sei zum Glück ja Frauensache, doch bald wird klar, wie wenig das stimmt – eine Unbeschnittene, Fachausdruck »Bilakoro«, würde nämlich nie jemand heiraten. Zugleich dringt die moderne Welt ins Dorf ein, verkörpert durch den fliegenden Händler, einen ehemaligen Söldner, der neues Gedankengut, aber auch moderne Geschäftspraktiken mitbringt und zum Schluß durch persönliches Risiko die entscheidende Wendung einleitet.

Denn am Ende, als alle Argumente ausgetauscht sind, läuft es auf eine brutale Konfrontation hinaus, in der zwei Stränge der Tradition einander auf seltsame Weise gegenüberstehen. Die Männer beharren darauf, Genitalverstümmelung sei Tradition und vom Koran befohlen. Die Frauen hingegen wollen sich dieser Tradition nicht mehr unterwerfen, vertrauen aber auf die quasi-magische Wirkung des Banns, unter dessen Schutz die Mädchen stehen. Und weil die Männer so sehr der Tradition verhaftet sind, tut keiner von ihnen das Undenkbare und überschreitet einfach die Schwelle – ein solch symbolischer Gewaltakt wäre außerhalb des Vorstellbaren. Ganz gewöhnliche, physische Gewalt liegt da schon viel näher und kommt dann auch zur Anwendung. Wenn dann am Ende die Frauen gewinnen und das Dorf in ein neues Zeitalter eintritt, macht sich vermutlich noch keiner Gedanken darüber, daß dieses neue Zeitalter in einer vernünftigen Welt spielt, in der auch Traditionen wie der Moolaadé ihre Kraft möglicherweise irgendwann verlieren werden.

Moolaadé gewann in Cannes und war ein internationaler Festivalerfolg. Zu recht, denn einen solchen Einblick in eine andere Welt und ihre Denkweise hat es schon seit einer Weile nicht mehr gegeben, und zugleich verhandelt der Film Themen – Tradition und Moderne, Patriarchat und weibliche Selbstbeschneidung (nicht nur im Sinn des Wortes) – über die man öfter mal nachdenken könnte. 1970-01-01 01:00

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