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Monte Grande – Was ist Leben?

CH 2004. R,B,K,S: Franz Reichle. K: Matthias Kälin. P: DRS, T&C Film AG, Teleclub AG.
80 Min. RealFiction ab 29.9.05

Der alte Mann und der Berg

Von Nadine Sohn Die Philosophie ist bereits seit längerem im Abendprogramm des Fernsehens angekommen: Carry Bradshaw beispielsweise philosophierte Woche um Woche mit uns über den Sinn des Lebens, die Menschheit, den Sex und die Stadt. Das Öffentlich-Rechtliche setzt mit Sloterdijk und Safranski echte Philosophen dagegen.

Im Kino ist die Philosophie im Moment durch den Film Monte Grande von Franz Reichle vertreten, und auch bei ihm kommen Profis zu Wort: Francisco Varela – dessen Leben in diesem Film porträtiert wird – Heinz von Foerster, Humberto Maturana, Evan Thompson und viele andere aus dem weiten Bereich der Philosophie und Kognitionswissenschaften.

Doch auch dem Kinopublikum wird nicht mehr philosophisches Grundwissen zugetraut als dem durchschnittlichen »Sex and the City«-Zuschauer. Wir erfahren nur sehr oberflächlich und in halb-esoterischem Wortschatz Allgemeines über das Bewußtsein, fernöstliche Meditation und neueste Forschungsbestrebungen, ohne daß diese Positionen voneinander getrennt werden und ohne daß auf ein Thema genauer eingegangen wird. Begriffe, die schwierig erscheinen, beispielsweise die Theorie der Autopoiesis, werden nur sehr vorsichtig angesprochen.

Die Struktur des Films, die das nicht-lineare Denken Varelas umsetzen soll (so der Pressetext), beschränkt sich auf die Parallelmontage von Super8-Material aus Varelas Kindheit, Interviews mit Kollegen und Familienmitgliedern sowie Bildern aus Varelas chilenischem Geburtsort Monte Grande. Vom radikalen Konstruktivismus, dessen Mitbegründer Varela ist, ist hierbei nichts zu spüren.

Daß es der Film dennoch schafft, uns länger zu beschäftigen als die 80 Minuten, die er dauert, liegt an der Person Francisco Varela. Er spricht in einer mitreißenden Art von den großen Fragen der Philosophie und den alltäglichen Problemen jedes Menschen. Trotz seines nahenden Todes im Mai 2001 berichtet er humorvoll und offen über persönliche Ereignisse: seine Gespräche mit 14. Dalai Lama, die Zeit während der Revolution in Chile und seine Meditationserfahrungen. Bei jedem Satz spürt man die Passion, die Varela mit der Wissenschaft, der Philosophie und der buddhistischen Lebensweise gleichermaßen verbindet, ohne daß für ihn dabei ein Gegensatz entsteht.

Diese ganzheitliche Sichtweise zu vermitteln ist ein ehrgeiziges Bestreben, das Reichle mit diesem Film leider nicht gelingt. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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