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Monte Cristo

The Count of Monte Cristo. USA 2002. R: Kevin Reynolds. B: Jay Wolpert. K: Andrew Dunn. S: Stephen Semel, Chris Womack. M: Edward Shearmur. P: Touchstone. D: Jim Caviezel, Guy Pearce, Dagmara Dominczyk, Richard Harris u.a.
131 Min. Constantin ab 25.4.02

Filmverfilmung

Von Matthias Grimm »Warum«, so muß sich Kevin Reynolds die Frage gefallen lassen, »warum dreht jemand einen Film zu einem Klassiker der Literaturgeschichte?« Aus Mangel an guten Drehbüchern vielleicht? Oder zur eigenen Reputation? »Nein«, muß die Antwort lauten. Weil der Film als Medium, als Kunstgattung, über Mittel und Ausdrucksformen verfügt, die ihn von der Literatur abheben und dem Werk durch deren Anwendung neue Facetten abzugewinnen vermag.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und damit zu Beginn des Films überhaupt, war das noch eine einfache Aufgabe. Damals genügte das visuelle Element, um eine Verfilmung zu rechtfertigen. Später, als sich die kinematographische Sprache weiterentwickelt hatte, ermöglichte diese dem Regisseur mehr als eine Art Über- oder Umsetzung, es machte ihn zum Interpreten, zum Poeten, der sich der Thematik mit einer neuartigen Lyrik annehmen konnte, die in ihrer Grammatik und Mannigfaltigkeit der schriftlichen Sprache ebenbürtig war.

Danach wurde es schwer, neue Rechtfertigungen zu finden, und so verblieben im besten Falle »Neu-Interpretationen«, die das Werk in aktuelle Bezüge stellen, es mit ungewohnten, modernen Mitteln erzählen oder einfach nur bombastischer oder »authentischer« inszeniert waren als ihre Vorgänger. Das Phänomen der Neu-Auflage ist dem Medium Film vorbehalten, was an seiner Schnellebigkeit sowie seiner technischen Fortentwicklung liegen dürfte: Das Theater ist durch seine zeitliche Abhängigkeit auf Neuinszenierungen angewiesen, ohne Änderungen bei Buch und Dialogen zur Regel zu machen, und die Literatur ist bis auf Randerscheinungen wie die »nacherzählte Bibel für Kinder« davon verschont geblieben. (Einzig die Computerindustrie kann aufgrund der technischen Weiterentwicklung auf ähnliche Strukturen verweisen, was sich in Versionsnummern wie 2.0 zeigt und damit den technischen Stand explizit kennzeichnet.)

»Warum«, so muß sich Kevin Reynolds also die Frage gefallen lassen, »warum dreht er einen Film zu einem Klassiker der Literaturgeschichte, der schon zigmal verfilmt worden ist?« Weil er glaubt, daß er es besser kann? Weil er Geld braucht? Weil er einfach nur auf den Kopf gefallen ist? Wahrscheinlich alles zusammen. Mit Robin Hood – Prince of Thieves versuchte sich Reynolds bereits einmal an einem historischen/literarischen Stoff, und auch wenn der Film schlecht war, fand er seine Berechtigung darin, daß Reynolds ihn mit den Mitteln des in den 70ern und frühen 80ern stark voranschreitenden Actionkinos erzählte.

Monte Cristo kann diesen Bonus nicht für sich verbuchen. Vor allem deswegen, weil Reynolds so darin verliebt ist, plappernde Köpfe zu fotographieren, daß er vergißt, welch Schweinegeld er für die Kulissen ausgegeben hat, welche den einzigen Bonus in diesem Film hätten darstellen können. Noch dazu sind die Gesichter zu diesen Köpfen völlig uninteressant: Jim Caviezel kämpft wie ein Löwe, um seinen Gesichtsmuskeln nur das kleinste Zucken oder gar Emotionen zu entlocken – vergeblich. Und Guy Pearce ist so froh, mal den Bösen geben zu dürfen, daß er aus dem Grimmig-Gucken gar nicht mehr herauskommt.

»Warum dreht Kevin Reynolds so einen Film?« Weil sich Markennamen von selbst verkaufen, wie der Werbefachmann rät. Und weil Hollywood arm an guten Geschichten ist. Und diese ist so gut, daß sie wahrscheinlich auch noch unterhaltsam wäre, wenn man sie von Peter Hahne am Lagerfeuer erzählt bekommen würde. 1970-01-01 01:00
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