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Montags in der Sonne

Los lunes al sol. E/F/I 2002. R,B: Fernando León de Aranoa. B: Ignacio del Moral. K: Alfredo F. Mayo. S: Nacho Ruiz Capillas. M: Lucio Godoy. P: Elias Querejeta PC, MediaPro u.a. D: Javier Bardem, Luis Tosar, José Ángel Egido, Nieve de Medina u.a.
113 Min. Piffl ab 15.1.04

Allein unter Menschen

Von Achim Wetter Zu den wohl schönsten von der Leinwand gesteuerten Gemütszuständen zählt zweifellos die Melancholie. Melancholie, die sich im Kino nur dann einstellen kann, wenn die Empfindungen der dargestellten Figuren mit den Empfindungen des Zuschauers ein möglichst hohes Maß an Deckungsgleichheit erreichen. Und wie lange ein Film braucht, um diese Deckungsgleichheit herzustellen, macht nicht zuletzt seine Qualität aus.

Fernando León de Aranoa benötigt dazu gerade mal den Vorspann und einige wenige Filmminuten. In kleinen, auf den ersten Blick fast belanglos erscheinenden Handlungssträngen schafft er es mühelos, eine derartige Nähe zu seinen Figuren zu erzeugen, Stimmungen behutsam aufzubauen und mit nachvollziehbaren Emotionen anzureichern, daß die zahllosen kathartischen Momente nicht selten sogar die Funktion narrativer Strukturanteile übernehmen. Dabei wählte der Regisseur für seinen dritten Kinospielfilm ein Sujet, das bislang hauptsächlich in der angelsächsischen Komödie sein Zuhause fand und ohne die von jeder Menge Guinness geschwängerte, latent aggressive Grundstimmung kaum zu denken war. Eine kleine Gruppe von arbeitslosen Werftarbeitern sind Fernando Leóns Helden. Antihelden, deren außergewöhnliche Lebensumstände auf ungewohnte Art und Weise vermittelt werden: Leichtfüßig und voller Poesie, melancholisch und in warmen, mitunter knallbunt schillernden Farben.

Nicht zuletzt erzielt Fernando León die Nähe zu seinen Figuren durch den exzessiven Gebrauch der entsprechenden Einstellungsgröße. Nahaufnahmen machen von den ersten Momenten an den Abstand zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und dem Zuschauerraum vergessen – Nahaufnahmen in einem so dynamischen Wechsel und stets so kunstvoll angeschnitten, so bruchstückhaft und in Sequenzen doch so konzentriert, daß sich die Grenze zwischen menschlicher Wahrnehmung und dem Kameraauge schnell verwischt. In kleinen Einheiten vermittelt sich ein filmischer Raum, der voll und ganz den Lebensumständen seiner Charaktere entspricht: Menschen, die wegen ihrer Arbeitslosigkeit nicht mehr am »normalen« gesellschaftlichen Leben teilhaben können, schaffen sich einfach ihren eigenen, abgezirkelten Kosmos. Seit der Schließung der Schiffswerft, seit dem letzten Aufbäumen gegen das Unvermeidliche, seit den gewalttätigen Demonstrationen schlagen sich die ehemaligen Kollegen beschäftigungslos durchs Leben – jeder auf seine Art hin- und herpendelnd zwischen Wut und Resignation, zwischen Demütigungen und männlichem Stolz.

Montags in der Sonne wurde in Spanien bereits mit fünf Goyas als bester Film, für die beste Regie, für den besten Hauptdarsteller und für zwei Nebenrollen ausgezeichnet. Und das zurecht, denn Fernando Leòn ging mit dieser Erzählung, die sich am langsamen, gemächlichen und denkbar unspektakulären Tagesablauf seiner Figuren orientiert, ein gewaltiges Risiko ein. Sozial engagiertes Kino ohne actionreiches Grundmuster ist nicht unbedingt das, was als vielversprechendes Erfolgsmodell gehandelt wird. Herausgekommen ist dennoch ein Meisterwerk, das zum einen besticht durch seine handwerkliche Perfektion, vor allem aber durch seine Weisheit. Lachen und Schmerz sind immer nur haarscharf voneinander getrennt, und in die unterhaltenden Momente mischt sich stets ein so kluger Subtext, daß sich der Zuschauer niemals unterfordert fühlt.

Über die mehr oder weniger verzweifelten Versuche einer Handvoll Männer, sich selbst treu zu bleiben, vermittelt sich ganz nebenbei ein ganzes Sammelsurium höchst interessanter Reflexionen über Sinn und Unsinn gesellschaftlichen Zusammenhalts und den aktuellen Wert von Solidarität. 1970-01-01 01:00

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