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Montag kommen die Fenster

D 2005. R,B: Ulrich Köhler. K: Patrick Orth. S: Kathrine Granlund. P: Ö-Filmproduktion. D: Isabelle Menke, Hans-Jochen Wagner, Amber Bongard, Trystan Wyn Pütter u.a.
92 Min. Filmgalerie 451 ab 26.10.06

Geliehenes Leben

Von Arezou Khoschnam Der harmlose Titel täuscht. Montag kommen die Fenster ist kein leichter Film, mehr noch erschwert er dem Zuschauer den Zugang. Bereits der minimalistische Vorspann gibt die Richtung vor. Vor karger Winterlandschaft folgen in kühles Licht getauchte nüchterne Bilder, die nicht viel zeigen. Auf der Tonebene wird diese Schnörkellosigkeit noch weitergetrieben. Die Dialoge sind kurz und selten, und auf musikalische Begleitung wird fast vollständig verzichtet. Anhand dieser trostlos-spärlichen Ästhetik findet Regisseur Ulrich Köhler einen mehr als passenden Weg, die innere Leere seiner Hauptfigur Nina sichtbar zu machen.

»Ich komme nicht zurück!« Mit diesen simplen Worten bricht die Ärztin aus ihrem gutbürgerlichen Leben aus. Dabei ist nichts Ungewöhnliches vorgefallen, das diesen Rückzug erklären könnte. Mal ziellos, mal zielstrebig geistert sie umher, vorbei an lachenden Gesichtern, Menschen, die sich wohlfühlen in ihrer Haut. Aber was unterscheidet sie von Nina? In dem Bestreben, etwas zu verändern, macht sie sich auf die Suche nach ihrem Leben und findet es zum Schluß doch nicht.

In einer unheimlich stillen Atmosphäre geht Köhler der Lebenskrise einer jungen Frau auf den Grund, die eigentlich alles hat, und er kommt zu der bitteren Erkenntnis, daß scheinbar genau das ihr Problem ist. Was geschieht mit uns, wenn wir alles erreicht haben? Der Film zeigt uns, daß eine Familie und Erfolg im Beruf keine Garanten für ein erfülltes Leben sein müssen, und kratzt damit an Grundfesten unseres Wertesystems, um dieses als Illusion zu entlarven. »In meinem Leben läuft es eigentlich gut«, stellt Nina etwas überrascht fest, ohne sich dabei entsprechend gut zu fühlen. Zu unserer Enttäuschung läßt sich das individuelle Glück scheinbar nicht errechnen.

Köhlers zweiter Spielfilm ist sicher nichts für einen gemütlichen Kinoabend, aber ein interessanter Beitrag zur immerwährenden Frage nach dem Sinn des Lebens. Mit einer drastischen Bildsprache, die visuelle Tabus wie selbstverständlich durchbricht, als hätte es sie nie gegeben – wo sonst, außerhalb des pornographischen Genres, kann man den Ansatz eines Blow-Jobs sehen? – nimmt der Regisseur in der deutschen Kinolandschaft eine Sonderposition ein, die ihm womöglich schon deshalb keiner streitig machen wird, weil es kaum jemand wagt, sich in diese Konsequenz zu begeben. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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