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Monster's Ball

USA 2001. R: Marc Forster. B: Milo Addica, Will Rokos. K: Roberto Schaefer. S: Matt Chesse. M: Asche und Spencer. P: Lee Daniels Entertainment. D: Billy Bob Thornton, Halle Berry, Heath Ledger, Peter Boyle, Sean Combs u.a.
112 Min. Tobis ab 5.9.02
Von Rüdiger Suchsland Manchmal, da wird das Leben zu einem einzigen Warten auf die Hinrichtung. In Monster's Ball begegnet man zwei in diesem Sinne Todgeweihten, sieht ihren Versuchen zu, sich nicht zu unterwerfen, dem scheinbar notwendig sich vollziehenden Schicksal etwas abzutrotzen. Denn auch die Familie kann einer solchen Todeszelle gleichen.

Der Titel bezieht sich auf die letzte Nacht eines zum Tode Verurteilten. Doch nur zu Beginn ist der Film des in den USA lebenden Schweizers Marc Forster auch eine Anklage der Todesstrafe. Vielmehr geht es um den von Billy Bob Thornton gespielten Henker, einen hochgestörten Rassisten aus den US-Südstaaten, der Prototyp des autoritären Charakters. Mutter und Ehefrau endeten durch Selbstmord. Als sich auch sein Sohn umbringt, verändert er sich – nicht schlagartig, sondern langsam und sanft. Plötzlich entwickelt er nie gekannte Sensibilität und Gefühle, die schließlich in die Liebe zu einer schwarzen Frau (großartig: Halle Berry) münden.

Monster's Ball ist ein stiller Film, der zugleich eine seltene Sogkraft entfaltet. Dies gelingt, weil der Film den menschlichen Abgründen nicht ausweicht, sondern sie zum Thema macht, weil er sie nicht nur behauptet, sondern in Bilder faßt. Der Film besticht nicht nur durch großartige Schauspieler, sondern auch durch wunderbare, sanft-geschmeidige Bilder, durch das Taktgefühl der Regie, die die Mitte zwischen Humor und Melodram hält, den Figuren naherückt, ohne sie preiszugeben, und in all dem stark an P. T. Andersons Magnolia erinnert.

Dabei vermeidet Monster's Ball nahezu alle Konventionen, nicht nur die der Political Correctness, sondern auch jene des filmischen Erzählens. Ein Film der Offenheit und der Stille, des Subtilen, der es bei Andeutungen beläßt, wo andere Erklärungen über Erklärungen häufen. Zwei einsame Seelen, die sich begegnen, die sich nicht helfen können in ihren Ängsten, bei ihren Schwierigkeiten seelisch zu überleben, nicht vollends zu verhärten. Dem Ruhm von Monster's Ball wird es nichts anhaben, daß die Jury der diesjährigen Berlinale seine Qualität verkannt und nur Halle Berry einen Schauspieler(trost)preis zugesprochen hat.

Dabei ist dies, obwohl er zunächst ganz anders aussieht, doch ein Film über das Glück, ein Film, der beschreibt, wie Glück daraus entsteht, daß man sich dem reinen Horror aussetzt, das dieses Glück ihm abringt. Folgt man Monster's Ball, dann gilt die paradoxe Weisheit: Glück ist, wenn man seine Familie hinter sich läßt. Und Glück ist, wenn man eine Familie gründet.
1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #27.

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