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Monster

USA 2003. R,B: Patty Jenkins. K: Steven Bernstein. S: Jane Kurson, Arthur Coburn. M: BT. P: KW Prods., Denver & Delilah Films. D: Charlize Theron, Christina Ricci, Bruce Dern, Scott Wilson u.a.
111 Min. 3L ab 15.4.04

Ungeheuer ambivalent

Von Matthias Grimm Wenn man Patty Jenkins einen Vorwurf machen wollte, dann den, daß sie der mehrfachen Mörderin Aileen Wuornos die Verantwortung für ihre Taten abspricht und dafür der Gesellschaft eine Art Kollektivschuld auflädt. Einer Gesellschaft, die nur aus Vergewaltigern, Kinderschändern und Perversen zu bestehen scheint, wo das Überleben zum Prinzip, zu Mittel und Zweck gleichzeitig, geworden ist. Ihr dies vorzuwerfen, hieße aber, sich einer These zu verweigern, die durchaus eines Blickes würdig ist. Und das hieße auch zu verkennen, daß Monster viel, viel differenzierter vorgeht.

Monster gelingt es wie lange keinem amerikanischen Film mehr, in jeder Szene, jeder Einstellung Ambivalenz zu erzeugen. Das beginnt schon bei der Protagonistin, die gleichzeitig so abstoßend wie mitleiderregend ist. Und daß man ihr das Mitleid im selben Schritt nicht gönnen oder es gewaltsam zurückhalten mag, schließt den Kreis und läßt die Spirale sich weiter drehen.

Dabei ist es Jenkins hoch anzurechnen, daß sie die Taten und das Leben Wuornos' in keinem Augenblick heroisiert, indem es ihr diese verwegene Bonnie & Clyde-Romantik aufsetzt, welche das Filmplakat noch gerne evozieren würde. Stattdessen ist der Film von Anfang an durchdrungen von einer abgrundtiefen Hoffnungslosigkeit, die sich nur noch zu entladen braucht, um allem ein Ende zu setzen. Selbst die Liebesgeschichte, die sich zwischen der Prostituierten und der einsamen Lesbe entwickelt, dient weniger als Rettungsanker, den sich beide in dem jeweils anderen ersehnen, sondern vielmehr als qualvolle Hinauszögerung des Unvermeidlichen. Selby, von ihren streng christlichen Eltern wegen ihrer homosexuellen Neigungen verstoßen, sucht und findet schließlich den einen Menschen, der sie nicht verachtet für das, was sie ist. Und Lee, schon mit acht von ihrem Onkel vergewaltigt, sucht nicht, aber findet dennoch die eine, die sie sich nicht zu hassen gezwungen fühlt.

Gemeinsam beginnen sie wieder zu hoffen, ohne zu erkennen, daß ihre Hoffnungen nur Träume sind; Märchen, die sie sich erzählen, genauso wie Eltern ihre Kinder belügen, wenn sie sagen, daß sie alles erreichen können, wenn sie nur wirklich wollen. »Liebe überwindet alles« ist dann auch einer dieser Kalenderblattsprüche, die Lee in der Schlußsequenz rezitiert und damit nicht nur die Gesellschaft und ihre Lebenslügen gleichermaßen entlarvt wie widerlegt, sondern erstmals die Kluft zu begreifen scheint, die ihre – man weiß es nicht genau – Naivität oder ihre Dummheit die ganze Zeit über vor ihr verschließt: die Kluft zwischen Realität und dem, was man dafür hält. Die Kluft zwischen dem, was man tut, und dem, wie man es rechtfertigt.

Dies ist noch eine dieser Ambivalenzen, die den Film durchziehen: daß alles aus guter Absicht zu geschehen scheint, aus Selbstschutz oder zumindest Hilflosigkeit. Niemals aber aus Notwendigkeit. Diese Ausweglosigkeit ist es, die den Rhythmus von Monster diktiert. Die unablässige Aneinanderreihung von Ereignissen, welche die Protagonisten näher an den Abgrund herantreiben, und es ist das große Verdienst der Autorin, daß sie dabei niemals passiv sind, das Unglück ihnen niemals zustößt, sondern sie sich entscheiden, auf das Unglück zu reagieren, sich damit zum Opfer und Täter gleichzeitig machen und dem Zuschauer das Urteil überlassen, wie dieser wiederum auf die Ambivalenz reagiert.

Monster, so könnte man sagen, ist ein einziger großer Rorschachtest, der am Ende mehr über die eigene geistige Verfassung aussagt als über die vermeintliche von Serienmördern und deren Gesellschaft. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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