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Mondscheintarif

D 2001. R,B: Ralf Huettner. B: Silke Neumayer, Barbara Oslejsek. K: Thomas Wildner. S: Horst Reiter. M: Schallbau. P: Hager Moss, Senator. D: Gruschenka Stevens, Tim Bergmann, Jasmin Tabatabai, Bettina Zimmermann u.a.
90 Min. Senator ab 25.10.01
Von Oliver Baumgarten Der Mondscheintarif – nach ihm wird der Preis errechnet, der für das Verliebtsein zu zahlen ist. Schlaflosigkeit, Nervosität und Fettnäpfchen sind das Zahlungsmittel, das ein jeder unfreiwillig auf den Tresen der Glückseligkeit blättert. Ganz automatisch, so, als hätten wir mit der Geburt eine Einzugsermächtigung unterschrieben, entfernt sich zuweilen der Boden unter den Füßen und gibt den eigenen Blick frei auf einen Zustand, mit dem der ein oder andere vielleicht lieber unter sich bleiben würde. Nicht so Cora Hübsch. Sie ist die Hauptfigur in Ralf Huettners großartigem Comic. Sie ist Fiktion und weiß doch genau um ihr Publikum. Sie genießt, sie zelebriert das Gesehenwerden als wäre sie die Prinzessin auf einem großen Ball. Cora ist verliebt, weiß nicht was sie tut, sie weiß nur eines: Da im Kinosaal sind Zuschauer, die eine Menge erwarten – also gibt sie alles.

In Post-Big Brother-Zeiten gibt's viele, die gäben ihr letztes Hemd, um sich einem Publikum zu präsentieren bei dem, was sie wirklich können: ihrem trüben Tagwerk nachgehen und dabei Conférencier des eigenen Lebens sein. Cora darf das und hat dies all jenen Alltagsexhibitionisten voraus, die sich für Talkshows casten lassen, und all jenen Figuren, die sie in Mondscheintarif umgeben. Und so schmeißt sie sich an die Kamera, erzählt uns ihre Geschichte, flirtet von der Leinwand herunter und gibt sich derart charmant lebensunfähig, daß es eine Wonne ist. Cora hat Talent zur Selbstinszenierung. Selbst wenn sie scheinbar abwesend den Klängen von Reamonn lauscht, wandelt sich ihre Filmrealität in ein flottes Musikvideo, von Huettner mit einer Kamerafahrt innerhalb einer Einstellung sicher umgesetzt.

Mondscheintarif hat nicht wirklich eine Handlung, aber ihm das zum Vorwurf zu machen, zeugte von gehöriger Ignoranz dem Medium gegenüber, für das der Film gedreht wurde. Ralf Huettner und sein Team haben sich einen Lebensmoment herausgepickt – das Warten auf den Rückruf des Angebeteten – und diesen durch fantastische und zuhöchst ironisierende Elemente zu großem Kino fiktionalisiert. Von Gruschenka Stevens wunderbar als posende Karikatur angelegt, wendet sich Cora als liebenswertes Monster unseres Wohlstandes immer wieder direkt in die Kamera. Doch will sie sich nicht mit den Zuschauern verbünden, sie will sie verführen. Und das gelingt Ralf Huettner außerordentlich gut. Technisch bestechend und visuell brillant komponiert er aus dem Zusammenspiel der üppigen Ausstattung, einer vor Spieltrieb kaum zu haltenden Kamera, Horst Reiters progressivem Schnitt und Huettners gewohnt stilsicherem Musikeinsatz ein vitales Meisterstück.

Jenseits der großen Gefühle und abseits didaktischer Zielsetzung gelingt Huettner unter blitzgescheitem Einsatz von Humor und Dynamik eine strikte Ästhetisierung von Banalität. Daß dieses visuelle Feuerwerk nicht an seiner eigenen Schönheit erstickt, ist sicher der cleveren Entsprechung mit dem Drehbuch zu verdanken. Huettner stülpt sein überbordendes Konzept nicht einfach über die Story (ich sage nur: Roman Kuhn), sondern findet eben in jener Cora Hübsch seine Komplizin. Das Formale entspricht perfekt der künstlichen Welt von Cora, die sich so hübsch in Szene setzen kann und deren Welt aus einer nie enden wollenden Showtreppe besteht. Gut, daß sie Ralf Huettner gefunden hat. 1970-01-01 01:00

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