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Mondovino

USA/F 2004. R,S,K,P: Jonathan Nossiter. K: Stephanie Pommez. P: Goatworks Films, Les Films de la Croisade.
158 Min. Concorde ab 28.4.05

Globalisierungs-Königsdrama

Von Tamara Danicic Ein Stoff, wie er eines Königsdramas von Shakespeare würdig wäre: raffgierige Monarchen, gefügige Höflinge, aufrechte Fürsten und ein Berater, der im Hintergrund die Strippen zieht. Genau genommen handelt es sich um ein Globalisierungs-Königsdrama. Die Holde, um die in Jonathan Nossiters Dokumentarfilm gebuhlt wird, hört allerdings auf den eher prosaisch klingenden Namen »Wein«. Daß der Rebensaft mittlerweile nicht mehr Gradmesser der Zivilisation, sondern lukratives Handelsobjekt ist, läßt sich kaum bestreiten. Mit welch harten Bandagen aber um Gaumen und Geldbeutel der Kunden gekämpft wird, kann man sich als Nicht-Eingeweihter nur schwer vorstellen.

Nehmen wir etwa König Robert Mondavi und seine Prinzen aus dem kalifornischen Napa Valley. Global Players, die den Weltmarkt mit 100 Millionen Flaschen Wein pro Jahr überschwemmen. Sie haben ihr Imperium durch diverse Ententes abgesichert und vertrauen (wie so viele andere Monarchen auch) ihrem Berater Michel Rolland, einem betont gut gelaunten, weil teuer bezahlten Star-Önologen. Dessen Zauberwort heißt »Mikrooxidation«. Nun gibt es aber vor allem in Frankreich einige Edelleute, die nicht bereit sind, die Seele ihres Weins an irgendwelche Monarchen zu verkaufen. Tapfer widersetzen sie sich dem Imperialismus in der Weinbranche. Und wenn sie nicht gestorben sind…

All das erzählt Nossiter, selbst diplomierter Sommelier, überaus unterhaltsam und süffig. (Ob es allerdings die verwackelte Kamera wirklich braucht, sei dahingestellt.) Natürlich ist klar, wer hier die Guten und wer die Bösen sind, und ebenso klar ist, auf welcher Seite der Regisseur steht. Zugute halten muß man ihm, daß er – wie schon Kollege Moore – nie so tut, als sei er unparteiisch. Vielmehr bringt Nossiter die Mächtigen dazu, sich selbst zu entlarven, während sich sein Blick immer wieder scheinbar unscheinbaren Nebenschauplätzen zuwendet. Auch eine – ebenso spielerische wie raffinierte – Form des Widerstands. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #38.
© 2012, Schnitt Online

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