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Der Mond in meiner Hand

Box of Moon Light. USA 1996. R,B: Tom DiCillo. K: Paul Ryan. S: Camilla Toniolo. M: Jim Farmer. D: John Turturro, Sam Rockwell, Catherine Keener, Lisa Blount, Dermot Mulroney u.a.
107 Min. Tobis ab 13.3.97

Selbstfindungstrip

Von Tom Beyer Man kennt sie zur Genüge, die Geschichten vom biederen Familienmenschen, der durch die zufällige Begegnung mit einem völlig gegensätzlichen Charakter aus dem Alltagstrott geworfen wird und (oh Wunder) durch diese Erfahrung gänzliche neue Seiten seiner selbst entdeckt. Das Grundprinzip ist immer das gleiche, ob es sich nun um Gefährliche Freundin oder Am achten Tag handelt – Oppositionen prallen aufeinander: Ordnung und Chaos, Biedermann und Outlaw, gesellschaftlicher Konformismus und Anarchie. Ein Muster, das in variierter Form natürlich auch jedem buddy-movie zugrunde liegt. Wie spielerisch-humorvoll oder tragisch-ernst der Selbsterfahrungs-Trip dabei ausfällt, und wieviel von dem neuen Lebensgefühl am Ende in die alte Ordnung eingebracht wird, hängt von Genre, Ideologie und Herkunft des Films ab.

Bei Tom DiCillos neuem Film ist es die Box of Moonlight, die symbolisch in das geregelte Familienleben des Elektromonteurs Al Fountain (John Turturro) hinübergerettet wird. Aus der zufälligen Begegnung mit dem exzentrischen Aussteiger Kid (Sam Rockwell) entwickelt sich ein einwöchiger Trip fernab von Familie und Heimat. Anfangs unfreiwillig und unentschlossen, später aber voller Überzeugung, lernt Fountain durch die Freundschaft zu Kid das Leben und die eigene Existenz als Vorsteher einer Montagefabrik von einer anderen Seite kennen.

Daß Box of Moonlight dabei keineswegs so eindimensional geraten ist, wie es die Plotstruktur vermuten lassen könnte, liegt an den Qualitäten des Regisseurs Tom DiCillo (Johnny Suede, Living in Oblivion) und nicht zuletzt an den großartigen Darstellern. DiCillo hat seine Figuren so schräg und mehrschichtig angelegt und dabei mit reichlich Macken versehen, daß sie über die Konstruktion der Gegensätze hinaus Eigenständigkeit und Leben entwickeln.

Turturro ist als Al Fountain nie ganz zu durchschauen und bewahrt sich seine Geheimnisse, und Sam Rockwell macht aus Kid einen großartigen Charakter, der von den naiven Traumtänzern, die ein Robin Williams so gerne mimt, weit entfernt ist. Das Zusammenspiel der beiden Schauspieler sorgt in den besten Momenten von Box of Moonlight für jene Leinwandmagie, die großes Kino auszeichnet. Wo ähnlich angelegte Filme mit Plattheiten und Lebensweisheiten nicht sparen, gelingt es DiCillo auf höchst unterhaltsame und humorvolle Weise, die Annäherung und Freundschaft der beiden glaubwürdig und einfühlsam zu inszenieren.

Daß Box of Moonlight trotzdem nicht ganz an die Originalität und den Ideenreichtum von DiCillos letztem Programmkinohit Living in Oblivion anknüpfen kann, liegt natürlich vor allem in den »Gesetzen« einer deutlich größeren Produktion begründet, aber auch an der etwas abgegriffenen Dramaturgie der Geschichte. Im Vergleich zu anderen gefeierten Independent-Regisseuren, die bei gesteigertem Budget oft sämtliche Regiequalitäten und die persönliche Handschrift über Bord werfen, ist DiCillo der Sprung ins Mainstream-Kino aber erstaunlich gut gelungen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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